Dez 21
Für Frau Ciarans Blog-Weihnachtsfeier
Ich habe einen schrecklichen Beitrag für Frau Ciarans Blog-Weihnachtsfeier. Erstens ist er nicht neu, ich habe ihn nur aus meinem Archiv geholt und ein wenig abgestaubt; entstanden ist er 2003. Zweitens ist er nicht besonders heile-weltlich. Aber mir läuft gerade ein wenig die Zeitplanung aus dem Ruder, darum gibt’s nur eine Weihnachtsgeschichtenkonserve und nichts Frisches.
Fest der Liebe
Lisa steckte, Füllung hineinstopfend, bis zum Ellenbogen in der großen Gans, als Klara heulend in die Küche gerannt kam. „Mami, Mami, Jonas hat mir meine Puppe weggenommen!“ Seit Stunden stritten die beiden Geschwister nun schon. Fest der Liebe. Von wegen. Streitereien und Stress, mehr brachte dieses Fest der Liebe nicht. In der Küche herrschte drückende Hitze, denn im Backofen steckte der Kuchen für den Besuch der Schwiegereltern. In der Spülmaschine klirrte etwas – wahrscheinlich wieder ein zerbrochenes Glas. Jürgen wollte das alte Ding schon seit Wochen reparieren. Im Wohnzimmer plärrte der Fernseher.
Lisa ignorierte Klaras Wutgeheul und stopfte weiter Füllung in die Gans. Warum ließ sie sich auch jedes Jahr wieder darauf ein? Die einzige, die gerne Gänsebraten aß, war Jürgens Mutter. Eine Strähne fiel Lisa ins verschwitzte Gesicht und juckte. „Mami, Jonas soll mir meine Puppe wiedergeben“ brüllte Klara, und wischte sich die laufende Nase an Lisas Rock ab. „Jürgen!“ rief Lisa über die Schulter ins Wohnzimmer. „Jürgen, schau doch mal nach den Kindern!“ Dann, zu Klara gewandt: „Geh bitte zu Papa, ich habe jetzt keine Zeit.“ „Nein, ich will nicht zu Papa gehen“ schniefte das Kind. „Der guckt Fußball und schimpft, wenn wir ihn stören.“ Klara zog an Lisas Rock. „Du musst kommen, Mama!“ Lisa holte tief Luft. Sie wollte ihr Kind nicht anschreien, aber dazu brauchte sie jetzt ihre ganze Beherrschung. „Klara, sei jetzt bitte ein braves Mädchen und lass Mami hier ihre Arbeit machen, ja? Jonas gibt dir deine Puppe bestimmt zurück, wenn Papa ihm das sagt.“ Über die Schulter rief sie laut: „Jürgen, kümmere dich doch endlich um die Kinder, ich kann hier jetzt nicht weg!“ „Ach was, die kommen schon klar! Ich hab mich früher ständig mit meinen Brüdern gefetzt!“ übertönte Jürgen die Fangesänge, die aus dem Fernseher brüllten.
Plötzlich schepperte es im Flur. Klara rannte hin: „Jonas hat mit seinem Fußball Omas Vase kaputtgemacht“, rief sie schrill. Oh nein, nicht auch das noch! Jürgen sollte das Paket doch im Schlafzimmer auf den Schrank stellen. „Jonas! Komm sofort her!“ rief Lisa in Richtung Flur. Sie hörte hastige Schritte, dann knallte eine Zimmertür. Wo sollten sie jetzt auf die Schnelle Ersatz herbekommen? Jürgens Mutter hatte sich genau diese teure Vase gewünscht. Lisa konnte schon fast ihre vorwurfsvolle Stimme hören: „Aber letztes Jahr seid ihr doch auch auf meine Wünsche eingegangen“. Außerdem wäre der Gänsebraten nicht weich genug, der Baum ungleichmäßig geschmückt, der Kaffee zu… der Baum! Hatte Jürgen den Baum schon aufgestellt?
Lisa schob die Gans beiseite, wischte sich die Hände an einem Handtuch ab und lief hastig ins Wohnzimmer. „Jürgen, hast du den Baum schon…“ „Sieh dir das mal an“, fiel er ihr ins Wort. Jürgen saß auf dem Sofa, ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden. „Das war doch wohl ein klares Foul gegen Berger!“ Lisa warf nur einen flüchtigen Blick auf den Fernseher, dann sah sie den Baum durch das Fenster. Er lag im Garten, war von der Terrasse auf den matschigen Rasen gerollt. Sicher war er jetzt völlig verdreckt. „Hast du das gesehen? Voll von hinten in die Hacken!“ „Mami“, Klara zog an Lisas Rock. „Mami, kann ich jetzt meine Puppe wiederhaben?“ „Und jetzt schau dir das an, das war doch ganz klar Abseits! Abseits! Der Schiri ist ja blind!“ „Mami, Mami, ich will meine Puppe!“
Lisa stand einfach nur da und starrte den Baum draußen im Dreck an. Seltsam. Als Kind war Heiligabend immer der schönste Tag im Jahr gewesen, schöner noch als ihr Geburtstag. Der geschmückte Baum, die Lieder, Oma und Opa, Tante Gerti und Onkel Jan zu Besuch. Warum war es früher so anders gewesen? So viel schöner? Sie wusste es nicht. Sie starrte nur diesen Baum im Dreck an, der von der bunten Lichterkette im Fenster beleuchtet wurde.
„TOOOOR!“ Jürgens plötzlicher Aufschrei holte Lisas Gedanken zurück. Warum? Warum tat sie sich diesen ganzen Ärger nur an? Warum lud sie Jahr um Jahr die Schwiegereltern ein, nur um sich vorwerfen zu lassen, der Kuchen sei zu trocken? Wer hatte diesen Zwang erfunden, heile Welt zu spielen? Wann war das Fest, ihr Fest, in den Dreck gefallen? Lisa wurde zornig. Sie rackerte sich mit der Gans ab, mit den Kindern, den Vorbereitungen, und Jürgen sah fern. Warum stand der Baum noch nicht? Warum kauften Sie eine teure, hässliche Vase? Warum stritten sich die Kinder? Warum freute sich niemand auf das Fest? Schluss damit! Schluss!
Lisa ertrug es nicht mehr. Sie schob die quengelnde Klara zur Seite. Ging in die Küche. Packte die Gans und trug sie zum Wohnzimmerfenster, öffnete es und warf das Vieh zum Baum in den Matsch. Sie nahm den halb fertig gebackenen Kuchen und warf auch ihn aus dem Fenster. Aus dem Flur holte sie das Paket mit der zerbrochenen Vase. Aus dem Schlafzimmer das Päckchen für Jürgen. Vom Wohnzimmertisch den Adventskranz. Alles, alles, das ganze so genannte Fest der Liebe warf sie hinaus in den Dreck! Als letztes flog die bunte Lichterkette hinterher.
Lisa fühlte sich elend, als sie das Fenster schloss. Langsam drehte sie sich um. „Aber was… bist du völlig verrückt geworden? Du kannst doch nicht einfach alles aus dem Fenster werfen!“ Er zog die Augenbrauen zusammen, seine Stimme wurde lauter. „Wie stellst du dir das denn vor? Was um Himmels Willen willst du denn bitte auf den Tisch stellen? Um halb vier kommen meine Eltern! Wie soll ich ihnen denn das hier erklären, bitteschön?“ Er war wütend. Aber Lisa antwortete nicht, sie hörte ihn kaum, wich seinem Blick aus.
Sie sah nur die Tränen, die in Klaras Augen standen. „Mami“ stammelte das Kind fragend. „Es tut mir leid, Mäuschen“, sagte Lisa mit erstickter Stimme, „aber Weihnachten fällt dieses Jahr aus.“ Sie lief aus dem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu.





Dezember 21st, 2008 at 19:28
Vielen Dank für diesen Beitrag.
Bei mir fällt dieses Jahr Weihnachten irgendwie auch eher klein aus, aber nicht komplett ins Wasser…
Ich muss mal meine Mutter befragen, wie es hier so manches Jahr wohl so ging…
Dezember 21st, 2008 at 21:38
Irgendwie hat sie was vergessen. Jürgen gehört noch hinterhergeworfen!
LG
Katja (seit langem heimliche Mitleserin ;-))