Jun 28

Das geheime Leben des Pilzes Heinz G. (5)

Tag: Pilzcontent,WorteBlasebalg @ 23:20

Der Rüffel schien gewirkt zu haben, Mo hielt den Mund. Zumindest für den Moment.

Heinz verbrachte den Tag damit, die kleinen Lichtflecken zu beobachten, die die Sonne durch die Bäume schickte, und die langsam, unendlich langsam über den Boden wanderten. Ab und zu huschte eine Spinne durch sein Blickfeld, eine Maus trippelte vorbei, und manchmal taumelte auch ein kleiner Schmetterling durch die Luft. Alle bewegten sie sich vom Fleck. Nur Heinz nicht. Der saß fest.

Was konnte er nur tun? Er versuchte, sich an die alten Geschichten zu erinnern, die man sich unten im Myzel erzählt hatte. Legenden, Mythen, die nur im Flüsterton weitererzählt wurden, und an die niemand so recht glaubte. Von Pilzen, die einfach verschwunden waren, war da die Rede gewesen. Am einen Tag standen sie noch da, wuchsen vor sich hin wie alle anderen. Und am nächsten Tag waren sie plötzlich weg. Offiziell passierte das natürlich nicht. In den amtlichen Statistiken verschwanden keine Pilze. Alle, die nach oben geschickt wurden, erfüllten ihre Aufgabe und starben dann ab. Dennoch waren die Gerüchte nicht tot zu kriegen. Jeder Pilz kannte einen, der einen kannte, der mal von einem solchen Fall gehört hatte. Nur zugegeben hätte es keiner.

“Na, was grübelst du schon wieder”, fragte der Fuchs, der sich unbemerkt von Heinz auf das Moospolster hatte fallen lassen. “Ach, das Übliche, nehme ich an.” Er gähnte herzhaft.

Heinz brummte. Er hatte jetzt keine Lust auf Diskussionen. Um den Fuchs abzulenken, wechselte er das Thema.
“Einen Nachbarn habe ich bekommen, kannst ja mal guten Tag sagen”, sagte er und wies mit einer beiläufigen Bewegung nach hinten rechts.

“Ach, schau an, Gesellschaft für den fröhlichen Heinz”, lachte der Fuchs und schaute zu dem Neuankömmling hinüber.

“Hallo”, sagte der einsilbig.

“Warum ist der denn so eingeschnappt”, fragte der Fuchs, wartete aber nicht auf eine Antwort. Er stand auf und ging auf den jungen Pilz zu, um ihn sich genauer anzusehen. Er stutzte. Kniff die Augen zusammen und ging einmal um den Jungpilz herum. Vorsichtig schnüffelte er daran, dann zog er sich zurück.

“Äh, ja, Heinz, war schön, mit dir geredet zu haben. Ich muss dann mal los.” Er hatte kaum ausgesprochen, da war er auch schon im Unterholz verschwunden.

Heinz verrenkte sich fast, aber er konnte sich einfach nicht umdrehen. Was um alles in der Welt hatte den Fuchs denn derartig verstört, dass er sich so davonmachte? Sonst hatte er sich um diese Zeit des Tages doch immer auf einen kleinen Plausch neben Heinz gesetzt.

“He, Kleiner”, fragte Heinz vorsichtig. “Alles in Ordnung bei dir?”

“Klar”, murmelte der.

Heinz räusperte sich. In seinem beiläufigsten Tonfall fragte er: “Sag mal, warum ist denn der Fuchs so plötzlich auf und davon?”

“Woher soll ich das denn wissen”, gab der Jungpilz zurück. “Ist doch dein Freund. Frag ihn halt selbst.”

Der Jungpilz schien wirklich beleidigt zu sein. Heinz blieb für den Moment nichts anderes übrig als zu warten, bis der Fuchs zurückkam.

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2 Kommentare zu “Das geheime Leben des Pilzes Heinz G. (5)”

  1. Garnprinzessin says:

    Solche Cliffhanger sind gemein!!! Gemein sind die! ;-)

    Liebe Grüße von der

    Garnprinzessin

  2. Blasebalg says:

    Ja, gell?
    Darum mag ich die auch so, hehehe.