Jul 21

Das geheime Leben des Pilzes Heinz G. (13)

Tag: Pilzcontent,WorteBlasebalg @ 08:14

Heinz überlegte fieberhaft, wie er sich ganz losmachen konnte vom letzten Rest seiner Verbindung zum Myzel, und wie er dann vom Fleck kommen könnte. Was hatte er denn schon alles beobachtet? Zapfen und Blätter oder Nadeln fielen von Bäumen herunter. Konnte er irgendwo hinunterfallen? Das Tal hinunterkullern, das ginge vielleicht. Und dann? Schwimmen? Er war nach wie vor unsicher, ob er schwimmen oder untergehen würde. Ein wenig ängstigte ihn die Vorstellung schon, dass seine frisch gewonnene Freiheit gleich wieder endete, nur weil er zu unerfahren war.

Vielleicht konnte er sich ja auch irgendwie aus eigener Kraft fortbewegen. Ein wenig drehen und wenden, das ging ja auch bisher schon. Ob das ausbaufähig war?

Heinz bewegte sich in alle Richtungen, erst vorsichtig, dann bis an die Grenzen dessen, was er schaffen konnte. Dabei passte er aber gut auf, um nicht die kleine Verbindung gänzlich zu kappen, die er noch hatte. Das wollte er erst tun, wenn er sich sicher war. Weil er im Moment sowieso nichts Besseres zu tun hatte, begann er zu trainieren. Vor und zurück, vor und zurück. Beweglichkeit, Kraft. Vor und zurück.

Gegen Abend war er völlig erschöpft. Dass das Bisschen Bewegung ihn so anstrengen würde, hätte er nicht gedacht. Aber wenn er vor seinem endgültigen Tod noch etwas von der Welt sehen wollte, dann musste er sich beeilen.

Wie gern hätte er dem Fuchs von seinen Plänen erzählt! Aber der ließ sich an diesem Tag nicht mehr blicken, und auch am nächsten nicht. Also trainierte Heinz, so gut es ging. Er konnte ja auch nicht einfach los, ohne seinem Freund Bescheid zu sagen, der würde ihn ja sicher vermissen.

Am darauffolgenden Morgen erwachte Heinz von einem ungewöhnlich lauten Rascheln. Stimmengemurmel. Ihm war, als hätten sich alle Waldbewohner in seinem Rücken versammelt, und als er nach oben sah, bemerkte er einen großen Schwarm fetter Fliegen.

“Oh Mann Heinz, bist du schon am Verwesen oder was?” fragte der Fuchs, der in diesem Moment angetrabt kam. “Hier riecht es ja unerträglich.”

Heinz war empört. Nach dem Training war er immerhin in der Form seines Lebens!

“Ich rieche nichts”, gab er patzig zurück.

“Nee, schon klar, du hast ja auch keine Nase.” Das breite Grinsen des Fuchses brachte Heinz beinahe noch mehr auf, doch der fuhr fort, bevor der Pilz etwas sagen konnte. “War nur ein Scherz, Heinz, nimm es nicht krumm. Bist ja auch nicht du, der so stinkt. Das ist dein Kollege.” Mit einer Kopfbewegung wies er nach hinten rechts, wo Mo stand.

Der hatte natürlich alles mit angehört.

“Das bin überhaupt nicht ich,” protestierte er, obwohl er genauso wenig wie Heinz so recht wusste, was der Fuchs eigentlich meinte. Auch Mo hatte keine Nase. “Wenn überhaupt, dann ist es der Hügel hier neben mir, den alle anstarren.”

Und damit hatte er ganz recht.

[Fortsetzung folgt]