Jun 18

Das geheime Leben des Pilzes Heinz G. (1)

Tag: Pilzcontent,WorteBlasebalg @ 13:06

Wäre Heinz G. ein Pilz wie jeder andere gewesen, er hätte sich eine Menge Ärger ersparen können. Vielleicht wäre er sogar etwas länger am Leben geblieben. Doch Heinz G. hielt nicht viel davon, ein Pilz wie jeder andere zu sein, und in gewisser Weise schloss das mit ein, dass er wusste, wie es eines Tages enden würde.

Äußerlich unterschied sich Heinz G. durch nichts von anderen Pilzen. Täglich, seit er aus seiner kalten, unterirdischen Kinderstube nach oben durch den Waldboden gebrochen war, ging er seinen Aufgaben als Pilz nach. Er hatte einen guten Standort erwischt, nahe dem Waldrand, mit einer grandiosen Aussicht über das angrenzende Tal und die Steinformation, die den eigentümlichen Namen “Ketzerstein” trug. Die mächtigen alten Nadelbäume über ihm schützten ihn vor der prallen Sonne und sorgten für kühlen, feuchten Schatten.

Sobald morgens die ersten einzelnen Sonnenstrahlen durch das dichte Dach der Fichten drangen und die taubedeckten Spinnweben zum Funkeln brachten, reckte sich Heinz G., rieb sich den Schlaf aus den Lamellen und begann mit dem Wachstum. Das war sein Daseinszweck und alles, was er derzeit zu tun hatte: Wachsen, Reifen, und schließlich Sporen ausbilden, die der Wind irgendwohin tragen würde, um neue Generationen von Pilzen zu ermöglichen.

Heinz G. hatte allerdings noch nie viel für den Gedanken übrig gehabt, dass nach dem Aussenden von ein paar Millionen Sporen alles vorbei sein sollte. “Wachsen, Säen und Vergehen”, das hatten seine Ausbilder ihm wieder und wieder eingehämmert. Für die anderen mochte das ein passender Sinnspruch sein. Für ihn gewiss nicht. Doch andererseits wusste er nicht, wie er es hätte verhindern sollen, denn nur dafür war er ausgebildet. Lektionen in Geographie, Mathematik oder Philosophie hatten nicht auf seinem Lehrplan gestanden, bevor er nach oben geschickt worden war.

So stand er also da, blickte Tag für Tag in das Tal hinunter und überlegte, welche Möglichkeiten er hatte, seinem Schicksal zu entrinnen.

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Ein Kommentar zu “Das geheime Leben des Pilzes Heinz G. (1)”

  1. Uta says:

    Oja! Danke sagt Uta