Jul 03 2010

Das geheime Leben des Pilzes Heinz G. (7)

Tag: Pilzcontent,WorteBlasebalg @ 10:55

Es war noch früh am Morgen. Die Vögel schrieen sich die Kehle aus dem Hals, um die Sonne über den Horizont zu locken, doch noch war es recht dunkel im Wald. Das Knacken hatte Heinz aufgeschreckt. Hatte er es nur geträumt? Er schüttelte sich, um den Schlaf zu vertreiben. Dann lauschte er aufmerksam in den Wald hinein.

Knack.

Da war es wieder gewesen. Hinten rechts. Ob der Jungpilz es auch gehört hatte?

“Mo, bist du wach?” Heinz flüsterte halb, halb rief er.

“Ja, ich bin wach”, kam es zurück. Die Stimme des Jungpilzes klang heute schon deutlich tiefer als in den letzten Tagen. Er musste ordentlich gewachsen sein.

“Hast du das Knacken auch gehört?” fragte Heinz. Er wusste nicht, was ihn mehr beunruhigte. Das Knacken an sich, das um diese Tageszeit ausgesprochen ungewöhnlich war, oder dass er es sich vielleicht doch nur eingebildet hatte. Vielleicht waren das ja die ersten Anzeichen des beginnenden Verfalls? Hastig prüfte Heinz, wie weit seine Sporen entwickelt waren. War es vielleicht schon so weit?

Knack.

Nein, die Sporen waren noch lange nicht so weit.

Knack.

“Natürlich höre ich es,” flüsterte Mo gepresst. Auch er schien beunruhigt, und das machte ihn gesprächig. “Im Myzel unten hat man sich Geschichten erzählt. Von Pilzen, die einfach verschwunden sind. Von jetzt auf nachher. Da war auch immer die Rede gewesen von unheimlichen Geräuschen. Und von riesenhaften Wesen, die die Pilze einfach aus dem Boden gerissen und aufgefressen haben.”

Heinz lief es eiskalt den Hut hinunter. Er hatte natürlich die gleichen Geschichten gehört. “Ach Mo, das sind doch nur Schauergeschichten, die man kleinen Pilzen erzählt, um sie zu erschrecken.” Er versuchte, seine Stimme fest klingen zu lassen. Aber letztlich brachte er nur ein heiseres Krächzen heraus.

Knack.

“Ich glaube, es kommt näher”, flüsterte Mo.

Knack.

Heinz schickte ein Stoßgebet nach dem anderen ins Myzel, er betete darum, dass die Schauergeschichten seiner frühen Kindheit wirklich nur Ammenmärchen waren.

Knack.

Riesenhafte Wesen, die Pilze ausrissen und auffraßen, das war doch albernes Zeug.

Knack.

“Mo?”

Knack.

“Ja?”

Knack.

“Ich glaube, es kommt wirklich näher.”

Knack.

“Oh heiliges Myzel, da kommt was aus dem Wald, ich kann einen dunklen Schatten sehen.” Mos Stimme überschlug sich fast.

Knack.

Dann gab es einen lauten Plumps.

“Mo?”
Der Jungpilz gab keine Antwort.

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Jun 30 2010

Das geheime Leben des Pilzes Heinz G. (6)

Tag: Pilzcontent,WorteBlasebalg @ 10:11

Doch der Fuchs kam nicht zurück. Nicht an diesem Tag und auch nicht am folgenden.

Gegen Vormittag kam nur Else wie üblich. Mit ihrem Klemmbrett und dem Maßband ging sie ihrer Arbeit nach, vermaß Heinz und gab ihr übliches Gemurmel von sich.
“Aha, jaja, nur ein kleines bisschen gewachsen heute, hmhm”, brabbelte Else, während sie sich ihre Notizen machte.

Heinz räusperte sich. “Äh, Fräulein Else”, begann er. Else warf ihm einen scharfen Blick zu. Vielleicht war die Anrede übertrieben gewesen. Aber Heinz wollte eine Auskunft, und im Freundlichsein hatte er wenig Übung.

“Äh ja, also ich hätte da mal eine Frage, Fräulein Else”, fuhr er fort.

“Ja, was denn, hm?” fragte die Kröte.

“Ja, wie Sie ja sicher gesehen haben, habe ich da hinten rechts einen jungen Nachbarn bekommen.” Heinz räusperte sich erneut und sprach jetzt ein wenig leiser. “Ist an ihm … also … ist mit dem Jungpilz irgendetwas vielleicht, also, ist vielleicht etwas nicht ganz in Ordnung?”

“Wie kommen wir denn auf die Idee, hm? Neinnein, der Jungpilz ist ein kräfter Bursche, jaja, einer der uns noch viel Freude machen wird, hmhm. Machen Sie sich da mal keine Sorgen, hmhm, das wird ein Prachtpilz.”

“Äh, ja, dankeschön, dann bin ich aber beruhigt”, gab Heinz stockend zurück, der alles andere als beruhigt war. Wenn mit dem Jungpilz alles in Ordnung war, was hatte den Fuchs dann vertrieben?

Ohne weitere Worte ließ er die restliche Vermessung über sich ergehen. Else warf ihm noch einen strengen Blick zu, bevor sie sich mit ihrem Klemmbrett hinüber zu dem jungen Pilz machte. Heinz konnte hören, wie sie ihn gewissenhaft vermaß und dann weiter in Richtung Teich watschelte.

Jetzt erst merkte Heinz, wie gut ihm die Gespräche mit dem Fuchs getan hatten. Der hatte wenigstens zugehört, auch wenn er sich nicht so recht in Heinzens Probleme hatte hineindenken können. Die Tage waren deutlich weniger zäh verlaufen, als er noch vorbeigekommen war. Jetzt hatte Heinz zwar einen Nachbarn, doch der schien immer noch eingeschnappt zu sein.

Von Zeit zu Zeit unternahm Heinz einen neuen Anlauf, mit dem Jungpilz ins Gespräch zu kommen, doch dessen Antworten blieben einsilbig. Er konzentrierte sich ganz offensichtlich aufs Wachstum. Jeden Vormittag, wenn Else zur Vermessung vorbeikam, konnte Heinz deutlich hören, wie sehr die Kröte den Jungpilz für sein rasches Wachstum lobte.

So vergingen einige Tage. Der Jungpilz wuchs, Heinz grübelte, Else vermaß und der Fuchs blieb verschwunden. Doch dann, an einem warmen, sonnigen Spätsommerabend geschah etwas, was ihrer aller Leben für immer ändern sollte.

Es begann ganz harmlos mit einem Knacken im Unterholz.

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Jun 28 2010

Das geheime Leben des Pilzes Heinz G. (5)

Tag: Pilzcontent,WorteBlasebalg @ 23:20

Der Rüffel schien gewirkt zu haben, Mo hielt den Mund. Zumindest für den Moment.

Heinz verbrachte den Tag damit, die kleinen Lichtflecken zu beobachten, die die Sonne durch die Bäume schickte, und die langsam, unendlich langsam über den Boden wanderten. Ab und zu huschte eine Spinne durch sein Blickfeld, eine Maus trippelte vorbei, und manchmal taumelte auch ein kleiner Schmetterling durch die Luft. Alle bewegten sie sich vom Fleck. Nur Heinz nicht. Der saß fest.

Was konnte er nur tun? Er versuchte, sich an die alten Geschichten zu erinnern, die man sich unten im Myzel erzählt hatte. Legenden, Mythen, die nur im Flüsterton weitererzählt wurden, und an die niemand so recht glaubte. Von Pilzen, die einfach verschwunden waren, war da die Rede gewesen. Am einen Tag standen sie noch da, wuchsen vor sich hin wie alle anderen. Und am nächsten Tag waren sie plötzlich weg. Offiziell passierte das natürlich nicht. In den amtlichen Statistiken verschwanden keine Pilze. Alle, die nach oben geschickt wurden, erfüllten ihre Aufgabe und starben dann ab. Dennoch waren die Gerüchte nicht tot zu kriegen. Jeder Pilz kannte einen, der einen kannte, der mal von einem solchen Fall gehört hatte. Nur zugegeben hätte es keiner.

“Na, was grübelst du schon wieder”, fragte der Fuchs, der sich unbemerkt von Heinz auf das Moospolster hatte fallen lassen. “Ach, das Übliche, nehme ich an.” Er gähnte herzhaft.

Heinz brummte. Er hatte jetzt keine Lust auf Diskussionen. Um den Fuchs abzulenken, wechselte er das Thema.
“Einen Nachbarn habe ich bekommen, kannst ja mal guten Tag sagen”, sagte er und wies mit einer beiläufigen Bewegung nach hinten rechts.

“Ach, schau an, Gesellschaft für den fröhlichen Heinz”, lachte der Fuchs und schaute zu dem Neuankömmling hinüber.

“Hallo”, sagte der einsilbig.

“Warum ist der denn so eingeschnappt”, fragte der Fuchs, wartete aber nicht auf eine Antwort. Er stand auf und ging auf den jungen Pilz zu, um ihn sich genauer anzusehen. Er stutzte. Kniff die Augen zusammen und ging einmal um den Jungpilz herum. Vorsichtig schnüffelte er daran, dann zog er sich zurück.

“Äh, ja, Heinz, war schön, mit dir geredet zu haben. Ich muss dann mal los.” Er hatte kaum ausgesprochen, da war er auch schon im Unterholz verschwunden.

Heinz verrenkte sich fast, aber er konnte sich einfach nicht umdrehen. Was um alles in der Welt hatte den Fuchs denn derartig verstört, dass er sich so davonmachte? Sonst hatte er sich um diese Zeit des Tages doch immer auf einen kleinen Plausch neben Heinz gesetzt.

“He, Kleiner”, fragte Heinz vorsichtig. “Alles in Ordnung bei dir?”

“Klar”, murmelte der.

Heinz räusperte sich. In seinem beiläufigsten Tonfall fragte er: “Sag mal, warum ist denn der Fuchs so plötzlich auf und davon?”

“Woher soll ich das denn wissen”, gab der Jungpilz zurück. “Ist doch dein Freund. Frag ihn halt selbst.”

Der Jungpilz schien wirklich beleidigt zu sein. Heinz blieb für den Moment nichts anderes übrig als zu warten, bis der Fuchs zurückkam.

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Jun 26 2010

Das geheime Leben des Pilzes Heinz G. (4)

Tag: Pilzcontent,WorteBlasebalg @ 14:58

Heinz drehte sich eine neue Fichtennadel-Zigarette und dachte nach. In einem Punkt hatte der Fuchs ja leider Recht: Als Pilz hatte er das Problem, im Boden festgewachsen zu sein. Das war eine Tatsache, da biss die Schnecke keine Lamelle ab.

Er nahm einen kräftigen Zug und sah einer Gruppe Krähen nach, die aus dem Wald das Tal hinunter flog. Flügel hatte er auch keine. Von oben sah alles bestimmt ganz anders aus. Ob die Krähen wohl ins nächste Tal hinüber schauen konnten? Und wenn ja, was gab es da zu sehen? Der Fuchs hatte ihm schon öfter von den merkwürdigsten Dingen erzählt, die es angeblich in der Umgebung gab. Einen Fluss, der so breit war, dass noch niemand es gewagt hatte, hinüberzuschwimmen. Flächen voll mit hohem, goldgelbem Gras mit enorm dicken Ähren dran. Seltsame Gebilde, die mit lautem Getöse und fürchterlichem Gestank auf breiten Pfaden entlangrannten. Heinz gluckste in sich hinein. Als der Fuchs davon erzählt hatte, konnte man seine Angst förmlich riechen. Er hätte es zwar niemals zugegeben, aber ganz offensichtlich hatte er einen Heidenrespekt vor diesen Dingern.

“Was gibt’s denn so Lustiges, ich will mitlachen”, fragte da plötzlich eine Stimme von hinten rechts. Eine sehr junge Stimme, wie Heinz fand.

“Wer fragt?” gab er zurück. Und während er sprach verging ihm die gute Laune wieder, denn wieder einmal wurde ihm bewusst, wie eingeschränkt sein Leben als Pilz war: Er konnte sich nicht einfach umdrehen, um nachzuschauen.

“Ich bin Mo”, kam die Antwort prompt. “Ich bin grade erst durch den Boden gebrochen.”

Na toll, dachte sich Heinz, auch noch ein Nachbar. Bisher hatte er diesen Platz wenigstens für sich allein gehabt und musste keine höfliche Konversation mit anderen Pilzen pflegen.

“Also, worüber hast du gelacht? Und wie heißt du? Und wie lange stehst du schon hier?” Der junge Pilz von hinten rechts schleuderte ihm die Fragen nur so um den Hut.

“Ich habe über deine dummen Fragen gelacht, ich heiße Heinz, und für dich immer noch Sie, und wie lange ich hier schon stehe, das geht dich einen feuchten Kehricht an”, bellte Heinz zurück. Konnte es eigentlich noch schlimmer werden?

Ja, es konnte. Und es wurde. Aber das sollte noch einige Tage dauern.

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Jun 25 2010

Eine kleine musikalische Einlage

Tag: Die Youtu besucht ...,Guck malBlasebalg @ 10:45


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