Jul 17 2010

Das geheime Leben des Pilzes Heinz G. (12)

Tag: Pilzcontent,WorteBlasebalg @ 08:58

Während er auf den Fuchs wartete, überlegte Heinz, was seinen neue Situation für ihn zu bedeuten hatte.

Er musste nicht mehr wachsen. Selbst wenn er gewollt hätte, es ging nicht mehr. Else hatte ihm seine Entlassungspapiere ausgehändigt, sie würde also ab sofort auch nicht mehr vorbeikommen. Wozu auch. Er wuchs ja nicht mehr, und wo kein Wachstum, da keine Vermessung.

Er musste auch keine Sporen mehr ausbilden. Er würde für keine neue Generation Pilze mehr sorgen, das stand fest. Der Gedanke hatte ihm noch nie besonders gefallen, aber wenn er ganz ehrlich mit sich war… eine gewisse Leere konnte er nicht leugnen. Wozu lebte er denn jetzt? Ein paar Tage hatte er sicher noch, ehe er elendig zugrunde ging, abgeschnitten von seiner Nahrungsquelle. Was sollte er mit diesen paar Tagen anfangen?

Gründlich untersuchte er den Riss an seinem Fuß. Der Schmerz war noch da, aber es war nur noch ein dumpfes Pochen, das er kaum noch wahrnahm. Viel hatte nicht gefehlt, dann wäre er komplett abgerissen. Wer weiß, wenn das passiert wäre, womöglich wäre er den Abhang ins Tal hinunter gekullert. Vielleicht wäre er in den Bach dort unten gefallen, dabei konnte er gar nicht schwimmen. Vermutlich. Ausprobiert hatte er es ja noch nicht. Vielleicht schwammen Pilze ja auch, und er wusste gar nichts davon?

Wie er so darüber nachgrübelte, was alles hätte passieren können, wenn er komplett abgerissen wäre, keimte ein leiser Gedanke in ihm auf. Vielleicht, sagte er sich, war das genau die Chance, auf die er immer gewartet hatte?

Ohne die Verbindung zum Myzel war er frei. Ungebunden, im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn er es irgendwie schaffte, sich vom Fleck zu bewegen, dann konnte er vielleicht noch etwas von der Welt sehen, bevor er endgültig starb. Abenteuer erleben. So wie er es immer gewollt hatte.

Heinz spürte eine Leichtigkeit in seinem kleinen pilzigen Herzen, die er noch nie gekannt hatte. Er war frei!

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Jul 15 2010

Das geheime Leben des Pilzes Heinz G. (11)

Tag: Pilzcontent,WorteBlasebalg @ 12:36

Ungeduldig lauschte Heinz nach hinten rechts. Er hatte sich durch seinen Unfall zwar etwas gedreht, aber nicht weit genug, um den Standort des Jungpilzes sehen zu können. Er hörte, wie Else um Mo herumwatschelte. Offensichtlich gab sie sich Mühe, leise zu sein. Schließlich entfernte sich ihr gedämpftes Gemurmel.

“Mo? Geht es dir gut?” fragte Heinz.

“Ja, alles ok”, antwortete der, “ich hab nur Kopfschmerzen.”

“Was ist denn gestern passiert, was war das für ein Wesen?” schoss Heinz seine Fragen ab. “Ich konnte mich nicht umdrehen, ich hab alles nur gehört, und plötzlich hast du nicht mehr geantwortet. Ich dachte schon, es hätte dich …”, Heinz schluckte, “ich dachte es hätte dich vielleicht gefressen.”

Mo lachte. “Nein nein”, gab er zurück. “Fressen wollte mich niemand. Ich bin einfach nur, äh”, er räusperte sich, “äh, ja, also, eingeschlafen bin ich, genau. Ich war so müde vom Wachsen und so. Du weißt ja, wie das ist.”

Heinz bohrte nicht weiter nach. Eingeschlafen. Das konnte der Jungpilz vielleicht Else erzählen. Vermutlich war er vor Angst ohnmächtig geworden und schämte sich jetzt, das zuzugeben. Wie auch immer, Mo konnte auch nicht mehr Licht in das Dunkel der Geschehnisse von letzter Nacht bringen.

“Aber hier ist jetzt irgendwas anders”, meinte Mo dann plötzlich.

“Was denn? Dass ich schief stehe, weiß ich schon, falls du das meinst”, entgegnete Heinz brummig.

“Nein nein. Ach, Tatsache. Du stehst ja wirklich total schief. Und ich hab mich schon gefragt… hm. Bist du wirklich halb abgerissen, wie Else erzählt hat?”

“Ja, bin ich, aber erzähl doch weiter, was ist bei dir hinten anders?” Heinz hatte nun wirklich keine Lust, seine Zukunftsaussichten mit Mo zu diskutieren.

“Tut es weh?” fragte der.

“Ja, aber dir tut auch gleich was weh, wenn du nicht weitersprichst. Was ist anders?”

“Ist ja gut, ich wollte ja nur… ich erzähl ja schon. Also hier direkt neben mir ist jetzt ein Hügel, der war gestern noch nicht da. So groß, dass ich nicht drüberschauen kann. Das ist vielleicht doof, da hinten wachsen so hübsche Blumen, die kann ich jetzt gar nicht mehr sehen.”

“Ein Hügel? Wie kommt denn der da hin?”

“Ich weiß nicht. Vielleicht hat das Wesen von gestern ihn mitgebracht und hier hingelegt?”

“Ach, so ein Unsinn. Hügel trägt man doch nicht mit sich herum!” Heinz hatte zwar nicht viel Erfahrung damit, was man alles mit sich herumtragen konnte und was nicht. Aber er war ziemlich sicher, dass Hügel nicht dazugehörten. Was hatte dieser Hügel zu bedeuten, und wie war er nun tatsächlich da hingekommen? Heinz beschloss, den Fuchs zu fragen, wenn er wiederkam. Der konnte sich den Hügel genauer ansehen und außerdem hatte er mehr Erfahrung mit Sachen, die man herumtragen konnte oder auch nicht.

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Jul 13 2010

Das geheime Leben des Pilzes Heinz G. (10)

Tag: Pilzcontent,WorteBlasebalg @ 11:42

Der Riss hatte Heinz zu zwei Dritteln vom Myzel abgerissen. Vor so etwas hatte man ihn in der Ausbildung immer gewarnt. Er konnte nicht mehr weiter wachsen. Er konnte keine Sporen mehr ausbilden. Er konnte seinen Lebenszweck nicht erfüllen. Langsam würde er zugrunde gehen, sein Leben hatte keinen Sinn gehabt.

Wäre er doch nur nicht so neugierig gewesen!

Else füllte ihr Formular aus. Drückte einen Stempel darauf. Gab Heinz einen Durchschlag, verabschiedete sich mit verdächtig feuchten Krötenaugen und watschelte weiter.

Der Fuchs schaute neugierig auf das Dokument. “Was hat das zu bedeuten?” fragte er. “Sonst hat sie doch immer nur ihre Notizen gemacht.”

Heinz seufzte. “Ich bin tot, Fuchs, ich bin tot.”

“Quatsch nicht so einen Unsinn, alter Pilz. Ich konnte noch nie gut mit Geistern sprechen, also kannst du auch nicht tot sein.”

“Doch, so gut wie tot. Du siehst doch selbst, wie schief ich hier stehe. Ich bin halb abgerissen. Mehr als zur Hälfte. Das heißt, ich bin so gut wie tot.”

Der Fuchs beschnupperte den Riss. “Abgerissen?”

“Ja, abgerissen, getrennt vom Myzel, abgeschnitten von meiner Quelle, ich werde verhungern, verdorren, und niemals Sporen ausbilden. Verdammt, ich bin tot, Fuchs!”

“Aber du wolltest doch nie Sporen ausbilden”, fragte der Fuchs verwirrt. “Was ist daran jetzt so schlimm, dass du es nicht tun wirst?”

Heinz setzte zu einer scharfen Antwort an, doch dann fiel ihm nichts mehr ein. Der Fuchs hatte irgendwie Recht. Er hatte nie das typische Pilzleben gewollt, und jetzt bekam er es auch nicht. Eigentlich sollte er froh sein. Aber wenn das Leben zuvor einen Sinn hatte, der ihm nicht gefiel, dann hatte es jetzt plötzlich überhaupt keinen mehr. Heinz klemmte die Lamellen zusammen und wäre am liebsten auf der Stelle gestorben.

“Hey, nun schau nicht so traurig”, sagte der Fuchs. “Guck mal, dein Nachbar ist doch noch da, und ich leiste dir auch Gesellschaft. Wird schon nicht so schlimm sein.”

Sein Nachbar? Heinz hatte den Jungpilz völlig vergessen. “Siehst du ihn, siehst du Mo?” fragte er den Fuchs.

“Na klar, da hinten, Else ist bei ihm.”

“Und, geht es ihm gut?”

“Scheint so. Aber ehrlich gesagt möchte ich nicht so gern über ihn reden.” Der Fuchs gähnte und streckte sich. “Es wird Zeit, dass ich was zwischen die Zähne bekomme. Mach’s gut Heinz, bis später!”

Bevor Heinz noch etwas erwidern konnte, war der Fuchs auch schon verschwunden. Was war heute nacht geschehen? Der Jungpilz würde es ihm hoffentlich sagen können.

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Jul 11 2010

Das geheime Leben des Pilzes Heinz G. (9)

Tag: Pilzcontent,WorteBlasebalg @ 10:27

Als er wieder zu sich kam, war es heller Tag. Die Welt wirkte irgendwie verschwommen, und er versuchte, sich zu erinnern, was passiert war. Seine Gedanken wirbelten zusammenhanglos durcheinander. Plötzlich fuhr ihm eine nasse Zunge über den Hut. Das holte ihn schlagartig in die Wirklichkeit zurück.

“Pfui Teufel, verdammter Fuchs, ich bin nichts zum Essen, lass den Scheiß!” fluchte Heinz. “Das ist ja ekelhaft!”

“Hey, komm mal wieder runter, ja?” Der Fuchs klang ein wenig eingeschnappt. “Ich dachte, du wärst tot, ich freu mich einfach nur, dass du wieder wach bist.”

Heinz brummte. Er wollte sich nicht anmerken lassen, wie nah ihm das ging. Und wie sehr ihm die Gesellschaft des Fuchses gefehlt hatte. Er nuschelte ein “schuldigung”. Dann sah er sich irritiert um. Irgend etwas war anders, aber er konnte das nicht richtig einordnen.

Der Fuchs sah ihn an. “Du stehst schief”, stellte er fest, als er Heinzens verwirrten Blick bemerkte. Dann begann er, sich das Fell zu putzen.

Heinz sah noch mal genauer hin. Der Fuchs hatte Recht. Entweder war die ganze Welt schief geworden, oder er selbst stand schief. Irgendwie verdreht. Bis gestern noch hatte er in das Tal hinuntergeschaut, und jetzt stand da ein dicker Farn mitten in seinem Sichtfeld. Den hatte er bisher immer ein wenig rechts von sich gehabt. Rechts. Rechts hinten. Heinz schluckte trocken. Die Ereignisse der Nacht kamen langsam zurück. Sein Fuß. Er hatte sich umdrehen wollen, und dann war da dieser Schmerz gewesen. Vorsichtig sah er an sich hinunter.

“Heiliger Krötenschleim, was haben Sie denn gemacht, hm?” quäkte es plötzlich. Heinz hatte gar nicht bemerkt, dass Else herangekommen war, um ihn zu vermessen. “Oh weh oh weh. Abgerissen. Eieiei. Halb abgerissen ist er. Ein tiefer Riss. Heilige Kröte des Himmels, wie konnte das nur passieren, hm?” Else sah Heinz besorgt an. Der wusste nicht, wo er anfangen sollte, also schwieg er. Abgerissen. Halb abgerissen. Heinz schloss die Augen. Das war sein Todesurteil.

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Jul 09 2010

Das geheime Leben des Pilzes Heinz G. (8)

Tag: Pilzcontent,WorteBlasebalg @ 16:24

Heinz G. lief der Angstschweiß den Hut hinunter. Nach dem lauten Plumps war es jetzt erst einmal ruhig. Oder? Nein, ein angestrengtes Schnaufen konnte er hören. Unglaublich laut, viel lauter als der Fuchs immer geschnauft hatte, wenn er abgehetzt von der Jagd angekommen war. Das musste wahrlich ein riesenhaftes Wesen sein. Mo gab keinen Mucks mehr von sich. Hatte das Wesen ihn gefressen? Waren die alten Geschichten doch wahr?

Heinz war jetzt ein Pilz kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Aber er zwang sich, ganz genau hinzuhören, ob die Geräusche vielleicht näher kamen. Gleichzeitig machte er sich so klein wie möglich und zog sich ein paar Blätter und ein wenig Moos über den Hut, um sich zu tarnen.

Hinten rechts wurde das Schnaufen leiser. Jetzt klirrte etwas. Dann ein schabendes Geräusch. Und noch einmal. Das Schaben wurde rhythmischer, dazwischen Rascheln und ein Geräusch nach Erde, die auf den Boden fällt. Schaben, rascheln, schaben, rascheln. Zwischendurch immer wieder ein Schnaufen und Brummen. Heinz kam es vor wie eine kleine Ewigkeit.

Langsam beruhigte er sich ein wenig, denn die Geräusche kamen nicht näher. Er wollte sich umdrehen, um einen Blick nach hinten rechts zu werfen. Aber er saß einfach zu fest im Boden. Er strengte sich an, wenigstens ein klitzekleines Bisschen wollte er sich drehen, nur einen halben Blick auf das erhaschen, was hinter ihm geschah. Aber es ging nicht.

Das Schaben hatte aufgehört. Das Wesen schien jetzt hin und her zu laufen. Dann ächzte es laut. Es gab einen weiteren Plumps, dann begann erneut das Rascheln. Und wieder das Geräusch von Erde.

Von Mo war die ganze Zeit nichts zu hören gewesen. Er war sicher tot, gefressen von dem Monster, das da hinter Heinz raschelte und schabte und irgendetwas mit der Walderde anstellte.

Heinz versucht es erneut, drehte sich so weit er nur konnte, als plötzlich etwas an seinem Fuß riss. Ein heißer Schmerz durchfuhr den ganzen Pilz, und er schrie laut auf. Dann wurde ihm schwarz vor den Lamellen.

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