Okt 20

Schön wär’s ja.

Tag: JähzornBlasebalg @ 13:44

Wenn ich sagen könnte, dass es nicht mehr vorkommt. Ich hatte tatsächlich lange Pause. Aber heute hat es mich aus heiterem Himmel wieder erwischt, und das könnte man sogar wörtlich nehmen, wenn man sich mal das Wetter heute anguckt. Und so ein bisschen habe ich heute auch verstanden, woher es kommt.

Ich habe nie gelernt, eine Verantwortung oder eine Last abzulehnen. Zu sagen “nein, das kann ich nicht, das ist mir zu schwer”. So blöd das ist, diesen Satz kann ich nicht aussprechen.

Die Verantwortung zu übernehmen, dem Gegenüber eine Last abzunehmen, das kann ich gut, das habe ich schon früh gelernt. Das kann ich so gut, dass ich es heute ganz automatisch mache, ohne dass – außer in meinem Kopf – dazu eine Notwendigkeit besteht, ohne dass der andere darum bittet. “Ist ok, ich mach das schon”. Ich habe dann auch sofort ein Bild im Kopf, wie das optimale Ergebnis aussieht. Ob das der perfekte Garten ist, oder die saubere und aufgeräumte Wohnung, ob das ein gewisses Haushaltsnettoeinkommen ist oder früher im Job ein bestimmtes Arbeitsergebnis – egal. Das zieht sich durch alle Bereiche. Ich greife mir die Aufgabe, weiß wie das optimale Ergebnis aussieht (auch wenn danach keiner gefragt hat), und bevor es nicht fertig und perfekt ist, lasse ich niemanden mehr an mich ran. Nur dass das nicht immer klappt. Eigentlich klappt es in den wenigsten Fällen. Aber ich habe nie gelernt, die Zielsetzung wieder etwas herabzusetzen, wenn ich sie ungebeten viel zu hoch angesetzt habe; ich habe nie gelernt, um Hilfe zu bitten, wenn ich es alleine nicht schaffe; ich habe es nie gelernt, Unterstützung einzufordern, selbst da, wo sie mir objektiv zusteht.

Denn da würde ich ja jemand anderem auf die Nerven fallen. Nee, das geht gar nicht. Ich kann doch nicht andere belästigen, nur weil ich es allein nicht schaffe. Ich kann doch nicht anderen vorwerfen, mich allein zu lassen, wenn es doch meine Aufgabe ist, es allein zu machen. Es hat schließlich jeder genug mit sich selbst zu tun, ohne dass ich auch noch mit meinem Gejammere ankomme. Nene, das geht gar nicht.

Das läuft nicht bewusst ab. Meistens jedenfalls. Manchmal schon, dann sitze ich da und weiß ganz genau: Du müsstest jetzt aufstehen, hingehen und dassunddas sagen. Ich weiß den Satz, den ich sagen müsste. Ich sage ihn mir selbst vor. Ich könnte es einfach machen. Einfach hingehen und um Hilfe bitte. Wäre gar nicht schlimm. Ich weiß sogar, dass ich mich danach besser fühlen würde.

Aber ich gehe nicht. Ich kann nicht. Ich sitze da, und warte, bis der Moment vorbei ist. Irgendwie geht’s ja immer weiter. Einfach aussitzen, am besten betäuben, ich könnte ein Buch lesen oder eine Socke stricken, bis es vorbei ist. Dann hätte ich ja auch was sinnvolles getan, also mal ehrlich, eine Socke stricken ist doch supersinnvoll, danach kann ich mich prima fühlen, weil ich was supersinnvolles getan habe, und der Tag ist gerettet.

Aber hingegangen und um Hilfe gebeten habe ich nicht.

Egal. Ich hab den Tag doch supersinnvoll verbracht, oder nicht?
Klar.
Wer braucht schon Hilfe.

Und dieser kleine Knoten, der da übrig bleibt, der kommt in den großen Auffangbehälter für übriggebliebene Knoten, zu all den anderen, die da schon liegen. Und gärt. Der Druck wird größer, ganz allmählich, bis es plötzlich passiert, er platzt, und ich möchte all die angesammelten kleinen Knoten einfach nur noch auskotzen. Wer mir dann über den Weg läuft, der hat verloren, denn der kriegt dann alles um die Ohren. Oh, kann ich dann schön schimpfen. Alles, was mich jemals gestört hat, kriegt derjenige dann um die Ohren gehauen, aber hallo, frag nicht nach Sonnenschein! Nie kann ich so schön Vorwürfe machen wie wenn der Behälter platzt mit all den vergorenen übriggebliebenen kleinen Knoten. Ich wüte. Schlage alles kurz und klein. Da fliegen Vasen in die Fenster, ich trete den Fernseher kaputt, und die Tassen werden an die Wand geschleudert. Da bleibt kein Spiegel heil, und je lauter es kracht, desto besser.

Nein, natürlich nicht.

Mir ist nur danach. Mir ist danach, jemanden laut anzuschreien. Mir ist danach, den Fernseher einzutreten, Vasen ins Fenster und Tassen an die Wand zu knallen. Aber ich mache es nicht. Wenn’s hochkommt, knallt eine Tür. Vielleicht werfe ich sogar irgendwas, aber wenn, dann ist es was, das keinen bleibenden Schaden anrichtet. Ein Putzlappen vielleicht. Das einzige, was wirklich laut klatscht, sind die Ohrfeigen, die ich mir selbst verpasse. Und es fehlt tatsächlich nicht viel, dass ich mir den Kopf am Spiegel einrenne.

Irgendwann ist der Druck weg. Ich pfeife noch ein bisschen beim Atmen, aber das geht auch vorbei. Dann schäme ich mich ein bisschen, entschuldige mich, und alles ist wieder gut. Nichts geklärt, aber das macht nichts, der Behälter ist ja jetzt wieder leer, nur unten drin ist der Bodensatz der Hilflosigkeit und der darf drin bleiben, als Ansatz für den nächsten Anfall, irgendwann in ein paar Wochen oder Monaten.

Und nie bin ich so sehr davon überzeugt, dass mir keinerlei Hilfe zusteht, wie kurz danach, wenn der Druck weg und alles wieder gut ist.

Ich sollte lernen, erst gar keine Knoten entstehen zu lassen. Rechtzeitig Hilfe einzufordern. Aber wie mache ich das, wenn ich die meiste Zeit gar nicht merke, dass ich welche bräuchte?

Ach, das ist doch alles kacke. Ich hab Kopfschmerzen.

5 Kommentare zu “Schön wär’s ja.”

  1. Ev says:

    Das ist nicht nur kacke, das ist auch noch beschissen, bekotzt und verwanzt!

    Wischlappen liegen lassen und sofort – SOFORT – vor den Spiegel und den Satz mit den
    4 Buchstaben und dem Zeichen üben: NEIN!

    Immer wieder und schön laut dabei werden!

    Niemand hat es verdient, dass Sie ihm alles abnehmen, wenn Sie nicht zu erst einmal sich
    etwas abgenommen haben!

    Wie wunderbar kleine Knötchen gären, stinken und mit gewaltiger Korona explodieren können,
    das ist gewaltig bis gewaltätig und ich wünsche Ihnen nicht, dass Sie das erleben!

    So, das war jetzt trivial, obszön und direkt – aber von Herzen!

    Ich grüße Sie & umarme Sie & denke an Sie!

    Die Ev

  2. Blasebalg says:

    Danke. *schnüff*

  3. Katarina says:

    Ja, das kenne ich auch. Wir retten die Welt, nicht wahr? Während Jahrzehnten war ich diejenige, welche die “schwierigen Fälle” übernahm, einfach weil ich das konnte. Und ich fühlte mich – zugegebenermassen – sogar geschmeichelt und leitete eine gewisse Bedeutung für mich daraus ab, dass man mir so komplexe Aufgaben übertrug.
    Obwohl die Überlastung immer grösser wurde, fürchtete ich nie, zu explodieren. Aber ich hatte Angst, zusammenzubrechen unter der Last der Verantwortung. Was dann auch geschah, buchstäblich – nach einer massiven Diskushernie und zwei erfolglosen Operationen bin ich immer noch erheblich behindert.
    Ich hatte mit diesem Befund also jeden Grund für eine Auszeit, und dennoch schalten mich manche egoistisch … und in der Tat, ich kam mir selber so vor! Man hätte von mir erwartet, dass ich nach zwei oder drei Wochen wieder auf der Matte stehe, und es war ein langer Weg, bis ich mir selber erlaubte, etwas Einfacheres machen zu wollen, ohne Komplikationen, ohne diplomatisches Geschick, ohne die ständige Angst: Wenn ich es nicht mache, geht die Welt unter!
    Es ist wirklich eine ziemlich kranke Einstellung, zu glauben, man müsse jederzeit jedermann/jederfrau zur Verfügung stehen. Ich war ein unglaublicher Kontrollfreak (das ist auch ein Aspekt, den Menschen mit dieser Neigung bedenken sollten). Irgendwie bin ich heute sogar dankbar dafür, dass dieser Wahn mir “das Kreuz gebrochen” hat. So bin ich zur Besinnung gekommen…
    Liebe Frau Blasebalg, ich wünsche Ihnen die Kraft und den Mut, immer öfter “Nein!” zu sagen und/oder Hilfe zu beanspruchen, wenn es Ihnen zuviel wird. Und sich ab und zu auch einen “sinnlosen” Tag zu erlauben – bevor Sie Kopfschmerzen bekommen!
    Ich schicke Ihnen mein Mitgefühl und viele ermutigende Grüsse,
    Katarina

  4. Blasebalg says:

    Danke.

  5. meermaid says:

    ui, da kommt mir doch so einiges bekannt vor. Und Sohnemann weiß, was es heißt, wenn ich sage: so langsam reicht es mir (natürlich im entsprechenden Tonfall). Da hilft ihm nicht, dass er inzwischen einen halben Kopf größer ist als ich und meint, er hätte den längeren Atem.
    Es hat lange gedauert, bevor ich die Mechanismen erkannte habe, und inzwischen kann ich durchaus NEIN sagen – auch zu Töchting, wenn das Enkelchen mal wieder zur Oma soll…

    Ups – das könnte länger werden: ich texte mal in meinem Blog, wer Interesse hat, kann dort lesen.