Jul 13 2010

Das geheime Leben des Pilzes Heinz G. (10)

Tag: Pilzcontent,WorteBlasebalg @ 11:42

Der Riss hatte Heinz zu zwei Dritteln vom Myzel abgerissen. Vor so etwas hatte man ihn in der Ausbildung immer gewarnt. Er konnte nicht mehr weiter wachsen. Er konnte keine Sporen mehr ausbilden. Er konnte seinen Lebenszweck nicht erfüllen. Langsam würde er zugrunde gehen, sein Leben hatte keinen Sinn gehabt.

Wäre er doch nur nicht so neugierig gewesen!

Else füllte ihr Formular aus. Drückte einen Stempel darauf. Gab Heinz einen Durchschlag, verabschiedete sich mit verdächtig feuchten Krötenaugen und watschelte weiter.

Der Fuchs schaute neugierig auf das Dokument. “Was hat das zu bedeuten?” fragte er. “Sonst hat sie doch immer nur ihre Notizen gemacht.”

Heinz seufzte. “Ich bin tot, Fuchs, ich bin tot.”

“Quatsch nicht so einen Unsinn, alter Pilz. Ich konnte noch nie gut mit Geistern sprechen, also kannst du auch nicht tot sein.”

“Doch, so gut wie tot. Du siehst doch selbst, wie schief ich hier stehe. Ich bin halb abgerissen. Mehr als zur Hälfte. Das heißt, ich bin so gut wie tot.”

Der Fuchs beschnupperte den Riss. “Abgerissen?”

“Ja, abgerissen, getrennt vom Myzel, abgeschnitten von meiner Quelle, ich werde verhungern, verdorren, und niemals Sporen ausbilden. Verdammt, ich bin tot, Fuchs!”

“Aber du wolltest doch nie Sporen ausbilden”, fragte der Fuchs verwirrt. “Was ist daran jetzt so schlimm, dass du es nicht tun wirst?”

Heinz setzte zu einer scharfen Antwort an, doch dann fiel ihm nichts mehr ein. Der Fuchs hatte irgendwie Recht. Er hatte nie das typische Pilzleben gewollt, und jetzt bekam er es auch nicht. Eigentlich sollte er froh sein. Aber wenn das Leben zuvor einen Sinn hatte, der ihm nicht gefiel, dann hatte es jetzt plötzlich überhaupt keinen mehr. Heinz klemmte die Lamellen zusammen und wäre am liebsten auf der Stelle gestorben.

“Hey, nun schau nicht so traurig”, sagte der Fuchs. “Guck mal, dein Nachbar ist doch noch da, und ich leiste dir auch Gesellschaft. Wird schon nicht so schlimm sein.”

Sein Nachbar? Heinz hatte den Jungpilz völlig vergessen. “Siehst du ihn, siehst du Mo?” fragte er den Fuchs.

“Na klar, da hinten, Else ist bei ihm.”

“Und, geht es ihm gut?”

“Scheint so. Aber ehrlich gesagt möchte ich nicht so gern über ihn reden.” Der Fuchs gähnte und streckte sich. “Es wird Zeit, dass ich was zwischen die Zähne bekomme. Mach’s gut Heinz, bis später!”

Bevor Heinz noch etwas erwidern konnte, war der Fuchs auch schon verschwunden. Was war heute nacht geschehen? Der Jungpilz würde es ihm hoffentlich sagen können.

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Jul 11 2010

Das geheime Leben des Pilzes Heinz G. (9)

Tag: Pilzcontent,WorteBlasebalg @ 10:27

Als er wieder zu sich kam, war es heller Tag. Die Welt wirkte irgendwie verschwommen, und er versuchte, sich zu erinnern, was passiert war. Seine Gedanken wirbelten zusammenhanglos durcheinander. Plötzlich fuhr ihm eine nasse Zunge über den Hut. Das holte ihn schlagartig in die Wirklichkeit zurück.

“Pfui Teufel, verdammter Fuchs, ich bin nichts zum Essen, lass den Scheiß!” fluchte Heinz. “Das ist ja ekelhaft!”

“Hey, komm mal wieder runter, ja?” Der Fuchs klang ein wenig eingeschnappt. “Ich dachte, du wärst tot, ich freu mich einfach nur, dass du wieder wach bist.”

Heinz brummte. Er wollte sich nicht anmerken lassen, wie nah ihm das ging. Und wie sehr ihm die Gesellschaft des Fuchses gefehlt hatte. Er nuschelte ein “schuldigung”. Dann sah er sich irritiert um. Irgend etwas war anders, aber er konnte das nicht richtig einordnen.

Der Fuchs sah ihn an. “Du stehst schief”, stellte er fest, als er Heinzens verwirrten Blick bemerkte. Dann begann er, sich das Fell zu putzen.

Heinz sah noch mal genauer hin. Der Fuchs hatte Recht. Entweder war die ganze Welt schief geworden, oder er selbst stand schief. Irgendwie verdreht. Bis gestern noch hatte er in das Tal hinuntergeschaut, und jetzt stand da ein dicker Farn mitten in seinem Sichtfeld. Den hatte er bisher immer ein wenig rechts von sich gehabt. Rechts. Rechts hinten. Heinz schluckte trocken. Die Ereignisse der Nacht kamen langsam zurück. Sein Fuß. Er hatte sich umdrehen wollen, und dann war da dieser Schmerz gewesen. Vorsichtig sah er an sich hinunter.

“Heiliger Krötenschleim, was haben Sie denn gemacht, hm?” quäkte es plötzlich. Heinz hatte gar nicht bemerkt, dass Else herangekommen war, um ihn zu vermessen. “Oh weh oh weh. Abgerissen. Eieiei. Halb abgerissen ist er. Ein tiefer Riss. Heilige Kröte des Himmels, wie konnte das nur passieren, hm?” Else sah Heinz besorgt an. Der wusste nicht, wo er anfangen sollte, also schwieg er. Abgerissen. Halb abgerissen. Heinz schloss die Augen. Das war sein Todesurteil.

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Jul 09 2010

Das geheime Leben des Pilzes Heinz G. (8)

Tag: Pilzcontent,WorteBlasebalg @ 16:24

Heinz G. lief der Angstschweiß den Hut hinunter. Nach dem lauten Plumps war es jetzt erst einmal ruhig. Oder? Nein, ein angestrengtes Schnaufen konnte er hören. Unglaublich laut, viel lauter als der Fuchs immer geschnauft hatte, wenn er abgehetzt von der Jagd angekommen war. Das musste wahrlich ein riesenhaftes Wesen sein. Mo gab keinen Mucks mehr von sich. Hatte das Wesen ihn gefressen? Waren die alten Geschichten doch wahr?

Heinz war jetzt ein Pilz kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Aber er zwang sich, ganz genau hinzuhören, ob die Geräusche vielleicht näher kamen. Gleichzeitig machte er sich so klein wie möglich und zog sich ein paar Blätter und ein wenig Moos über den Hut, um sich zu tarnen.

Hinten rechts wurde das Schnaufen leiser. Jetzt klirrte etwas. Dann ein schabendes Geräusch. Und noch einmal. Das Schaben wurde rhythmischer, dazwischen Rascheln und ein Geräusch nach Erde, die auf den Boden fällt. Schaben, rascheln, schaben, rascheln. Zwischendurch immer wieder ein Schnaufen und Brummen. Heinz kam es vor wie eine kleine Ewigkeit.

Langsam beruhigte er sich ein wenig, denn die Geräusche kamen nicht näher. Er wollte sich umdrehen, um einen Blick nach hinten rechts zu werfen. Aber er saß einfach zu fest im Boden. Er strengte sich an, wenigstens ein klitzekleines Bisschen wollte er sich drehen, nur einen halben Blick auf das erhaschen, was hinter ihm geschah. Aber es ging nicht.

Das Schaben hatte aufgehört. Das Wesen schien jetzt hin und her zu laufen. Dann ächzte es laut. Es gab einen weiteren Plumps, dann begann erneut das Rascheln. Und wieder das Geräusch von Erde.

Von Mo war die ganze Zeit nichts zu hören gewesen. Er war sicher tot, gefressen von dem Monster, das da hinter Heinz raschelte und schabte und irgendetwas mit der Walderde anstellte.

Heinz versucht es erneut, drehte sich so weit er nur konnte, als plötzlich etwas an seinem Fuß riss. Ein heißer Schmerz durchfuhr den ganzen Pilz, und er schrie laut auf. Dann wurde ihm schwarz vor den Lamellen.

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Jul 04 2010

Blog-Candy zum sechsten Bloggeburtstag

Tag: Meta,Pilzcontent,WorteBlasebalg @ 18:08

Ja, in der Tat, das Blaseblog wird am 31.07.2010 satte sechs Jahre alt. Zeit für die Einschulung und so weiter. Vielleicht wird es jetzt sogar langsam erwachsen.. obwohl, das wollen wir ja eigentlich auch nicht. Oder?

Übrigens, falls Sie jetzt in diesem Blog zurückblättern und sich beschweren möchten, dass die Beiträge hier doch gar nicht bis 2004 zurückreichen: Das Blaseblog hat zwei Umzüge hinter sich.

Nr. 1 finden Sie da.
Nr. 2 finden Sie dort..
Nr. 3 … äh, ja. Da sind Sie grade.

Und weil so ein Geburtstag gefeiert werden will, gibt’s auch ein Geschenk. Jawollja. Ich werde nämlich …. trommelwirbel … meinen ersten Roman drucken lassen. Dabei handelt es sich natürlich um “Das geheime Leben des Pilzes Heinz G.”, wie sollte es anders sein, einen anderen schreibe ich ja derzeit nicht.

Ich bin noch nicht sicher, ob ich das Machwerk vollendet bekomme bis zum Bloggeburtstag. Aber sei dem, wie es sei: Ich werde ihn dreimal physikalisch produzieren lassen. Ein Exemplar behalte ich selbst. Die anderen beiden werden verlost. Und zwar unter allen, die zu einem der Kapitel einen Kommentar hinterlassen. Mehrfache Kommentare erhöhen meinen Freude-Pegel, aber nicht die Gewinnchancen.

Ihre Gewinnchancen verdoppeln können Sie aber anders, nämlich wenn Sie irgendwo im Netz Werbung für Heinz G. machen. Zum Beispiel durch einen eigenen Blogbeitrag, durch eine Twittermeldung oder sowas. Alle, die das tun, wandern mit zwei Losen in die Lostrommel. Also einfach davon erzählen, zur Geschichte oder hier aufs Blog verlinken, und mich irgendwie davon in Kenntnis setzen. Ich muss das ja mitkriegen, damit ich Ihren Namen zweimal in den Lostopf stecken kann, gelle?

Teilnahmeschluss ist am 31. Juli 2010 um 20:47, Gewehre sind nicht zugelassen und den Rechtsweg dürfen Sie höchstens spazieren, aber ansonsten ist der ausgeschlossen. Was man halt so unter Gewinnspiele schreibt. Ach ja: Spammer, die Kommentare mit Links auf Finanzseiten in Timbuktu oder ähnlich absurdes Zeug hinterlassen, nehmen nicht an der Verlosung teil und bekommen hoffentlich Krätze am Popo.


Jul 03 2010

Das geheime Leben des Pilzes Heinz G. (7)

Tag: Pilzcontent,WorteBlasebalg @ 10:55

Es war noch früh am Morgen. Die Vögel schrieen sich die Kehle aus dem Hals, um die Sonne über den Horizont zu locken, doch noch war es recht dunkel im Wald. Das Knacken hatte Heinz aufgeschreckt. Hatte er es nur geträumt? Er schüttelte sich, um den Schlaf zu vertreiben. Dann lauschte er aufmerksam in den Wald hinein.

Knack.

Da war es wieder gewesen. Hinten rechts. Ob der Jungpilz es auch gehört hatte?

“Mo, bist du wach?” Heinz flüsterte halb, halb rief er.

“Ja, ich bin wach”, kam es zurück. Die Stimme des Jungpilzes klang heute schon deutlich tiefer als in den letzten Tagen. Er musste ordentlich gewachsen sein.

“Hast du das Knacken auch gehört?” fragte Heinz. Er wusste nicht, was ihn mehr beunruhigte. Das Knacken an sich, das um diese Tageszeit ausgesprochen ungewöhnlich war, oder dass er es sich vielleicht doch nur eingebildet hatte. Vielleicht waren das ja die ersten Anzeichen des beginnenden Verfalls? Hastig prüfte Heinz, wie weit seine Sporen entwickelt waren. War es vielleicht schon so weit?

Knack.

Nein, die Sporen waren noch lange nicht so weit.

Knack.

“Natürlich höre ich es,” flüsterte Mo gepresst. Auch er schien beunruhigt, und das machte ihn gesprächig. “Im Myzel unten hat man sich Geschichten erzählt. Von Pilzen, die einfach verschwunden sind. Von jetzt auf nachher. Da war auch immer die Rede gewesen von unheimlichen Geräuschen. Und von riesenhaften Wesen, die die Pilze einfach aus dem Boden gerissen und aufgefressen haben.”

Heinz lief es eiskalt den Hut hinunter. Er hatte natürlich die gleichen Geschichten gehört. “Ach Mo, das sind doch nur Schauergeschichten, die man kleinen Pilzen erzählt, um sie zu erschrecken.” Er versuchte, seine Stimme fest klingen zu lassen. Aber letztlich brachte er nur ein heiseres Krächzen heraus.

Knack.

“Ich glaube, es kommt näher”, flüsterte Mo.

Knack.

Heinz schickte ein Stoßgebet nach dem anderen ins Myzel, er betete darum, dass die Schauergeschichten seiner frühen Kindheit wirklich nur Ammenmärchen waren.

Knack.

Riesenhafte Wesen, die Pilze ausrissen und auffraßen, das war doch albernes Zeug.

Knack.

“Mo?”

Knack.

“Ja?”

Knack.

“Ich glaube, es kommt wirklich näher.”

Knack.

“Oh heiliges Myzel, da kommt was aus dem Wald, ich kann einen dunklen Schatten sehen.” Mos Stimme überschlug sich fast.

Knack.

Dann gab es einen lauten Plumps.

“Mo?”
Der Jungpilz gab keine Antwort.

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