Okt 30 2009

Beingeschichten

Tag: BefindlichkeitenBlasebalg @ 19:06

Also mal ehrlich. Irgendwer da oben war der Meinung, dass ich unbedingt durch diese ganze Erfahrung durch muss. Es hätte mehrere Punkte viel, viel früher gegeben, an denen die Sache hätte erkannt werden können, wenn meine Symptome eindeutiger gewesen wären.

Nehmen Sie mein Bein.

Angefangen hat es mit dem Schmerz im Bein. Links, in der Wade. Humpelwerter Schmerz, nicht nur ein bisschen. Natürlich war der Gedanke an eine Thrombose da, mit meiner Vorgeschichte und den anderen Fällen in der Familie. Aber:
Das bekackte Drecksbein tat nur weh. Es wurde nicht dick, es wurde nicht heiß, es wurde nicht rot. Nicht mal im Ultraschall war die Thrombose sichtbar, obwohl gleich zwei Doktoren sich das angeguckt hatten. Erst im Krankenhaus, nach der Lyse, als alles rum war, da war es im Ultraschall sichtbar. Das ist doch bekloppt, oder?

Seit den allerersten Tagen gucke ich mir täglich meine Beine an. Mal mehr, mal weniger panisch. Aber ich gucke sie an. Vergleiche. Nichts. Einfach kein Unterschied feststellbar, die ganze Zeit über.

Und wissen Sie was? Jetzt, wo ich seit einer Woche Strumpfhöschen trage, jetzt sehen sie unterschiedlich aus. Eine Spur dunkler ist das linke, eine Spur dicker. Nicht viel, aber sichtbar.

Ich bin frustriert.

PS: ich bitte um Entschuldigung dafür, dass Sie sich hier im Blaseblog derzeit so viel zum Thema Kompressionsstrümpfe anhören müssen. Aber 1. ist das Thema gar nicht so unmodisch, und 2. würde ich darauf wetten, dass mindestens einer oder eine von Ihnen da draußen sowas auch trägt. Ich glaube, das tun mehr, als man so weiß. Und 3. geht auch diese Phase vorbei, und dann erzähle ich wieder über andere Sachen.


Okt 26 2009

Luxusprobleme

Tag: BefindlichkeitenBlasebalg @ 19:18

Tippern auf dem Laptop tut weh. Weil dabei die Handgelenke auf dem Ding aufliegen. Und die Handgelenke sehen noch stark nach häuslicher Gewalt aus. Sprich: Sie sind grün und blau und lila.

Heute war ich beim Doc. Mal Hallo sagen und diverses Organisatorisches regeln. Ich hab es noch selten erlebt, dass ich in der Sprechstunde eines Arztes saß und ohne Akutproblem eine halbe Stunde Redezeit hatte. Hihi. Ich vermute mal stark, dass der Gute auch ganz froh ist, dass ihm die kürzlich neu gewonnene Patientin nicht direkt weggestorben ist.

Ich habe versprochen, in Zukunft mehr zu jammern.

Im Lauf der Woche kriege ich eine zweite schicke Strumpfhose, Anthrazit, leider war sie im Sanitätshaus gerade nicht vorrätig. Aus der Apotheke habe ich eine 100-Tabletten-Ration Pillen geholt (” die sind re-importiert, das ist billiger”), und als nächstes muss ich bei der Krankenkasse vorstellig werden, damit die mir das Gerät zur Selbstkontrolle bezahlen. Ein Lichtblick. Ich habe es gehasst, als ich damals alle paar Wochen zum Doc tigern musste, um Blut abnehmen zu lassen für die Dosierung der Pillen. (Ich hab in meinem Leben schon ein paar Jahre Marcumar gehabt, falls ich das noch nicht erwähnt hatte). Nach einiger Zeit hat man da Arme wie ein Fixer. Völlig zerpiekst. Ich glaube, ich könnte mir inzwischen auch ganz gut selbst Blut abnehmen, oft genug zugeguckt hab ich ja schon.
Mit dem Selbstkontroll-Gerät darf ich mir allerdings nur die Fingerkuppen zerpieksen, ähnlich wie Diabetiker. Bin mal gespannt, wann ich da zur Schulung darf, damit die mir zeigen, wie ich das richtig mache, das Zerpieksen.

So ein Blog ist klasse. Man kann endlose Monologe über das eigene Leiden führen. Im Alltag, ja selbst im Krankenhaus kommt man da kaum zu, wenn man kein Jammerlappen ist. Zumindest geht mir das so. Als ich noch im Krankenhaus war und über die Flure spaziert bin, um wieder bisschen in die Gänge zu kommen, habe ich mich mit einigen Mit-Insassen unterhalten. In epischer Breite habe ich mir Lebens- und Leidensgeschichten angehört. Wie viele Bypässe und Stents da drin sind, im Mit-Insassen, wie es ihm heute und gestern so ging, was der Arzt dazu sagt und wie es weitergeht. Manchmal durfte ich auch in einem Satz sagen, weswegen ich dort war. Aber das war eigentlich nicht wichtig. Die Bypässe waren wichtiger.

Kann ich ja auch nachvollziehen. Für jeden ist das eigene Leiden erst mal am Wichtigsten. Und Jammern tut in der Tat gut. Und im Vergleich geht es mir ja noch richtig gut. Es gibt Millionen, die haben viel, viel schlimmere Krankheiten als ich. Werden vielleicht gar nicht mehr gesund, haben ein Bein ab, hängen lebenslänglich an Maschinen oder wasweißich.

Im Vergleich zu vielen anderen bin ich gesund und munter wie ein junges Reh. Aber eigentlich eben auch nicht.

Wirres Zeug?
Jo.
Ich weiß nicht genau, worauf ich raus will.
Vielleicht das hier: Ich war schwer krank. Nur kurz, aber schwer. Ich wäre beinah über die Wupper gegangen, es hat nicht viel gefehlt. Ich habe auch weiterhin ein gewisses Risiko, weil mit meiner Blutgerinnung irgendwas nicht stimmt, was die Ärzte aber nicht feststellen können. Es ist nicht selbstverständlich, dass ich heute noch hier bin, und mit schmerzenden Handgelenken wirres Zeug tippern kann.
Und das will ich äußern. Das will ich selbst anerkennen. Das will ich nicht einfach so beiseite schieben und zur Tagesordnung übergehen, weil ich ja jetzt wieder fit bin. Ich habe die meiste große Scheiße in meinem Leben lange Zeit nicht richtig verarbeitet, sondern verdrängt. Diese aktuelle große Scheiße will ich jetzt verarbeiten. Ich will jetzt darüber weinen dürfen.

Jaja, ich weiß, das verbietet mir auch keiner außer mir. Das will ich ändern. Und genau dafür ist ein Blog toll. Weil ich solche Dinge quasi aussprechen kann, öffentlich machen kann, ohne dass ich jetzt jemand Bestimmtem damit auf die Nerven fallen muss. Wer mag, liest es, wer nicht, lässt es. Aber ich habe es ausgesprochen. Ok, hingeschrieben, aber das ist fast genauso gut.

Schluss für heute. Mag das nachvollziehen, wer kann.
Passen Sie auf sich auf!


Okt 23 2009

Irgendwie unwirklich.

Tag: BefindlichkeitenBlasebalg @ 18:56

Erst mal dankeschön für alle Ihre lieben Worte. Das tut wirklich gut.

So langsam rutsche ich zurück in den Alltag, wenn ich auch momentan alles, was nach Arbeit riecht, Herrn Spektakel aufhalse.

Irgendwie ein seltsamer Zustand. Mit jedem Tag, der vergeht, wird das, was passiert ist, unwirklicher. Wer mir jetzt begegnet, merkt mir nichts an. Ich selbst merke mir kaum noch etwas an, nur das Ziepen der Strumpfhose erinnert mich immer mal wieder an das, was war.

Übrigens, wenn Sie mal lachen wollen: Video zum Anziehen. Das Video lügt allerdings in zwei Punkten: Erstens sitzt eine richtig angepasste Strumpfhose deutlich strammer, als das bei dem Model den Eindruck macht, so easy ist das mit dem Anziehen nämlich nicht. Und zweitens hat man beim Anziehen nicht so einen weggetreten glücklichen Gesichtsausdruck. Die Aktion hat eher was von Frühsport. Aber gut. Wenn’s hilft.

Auf der einen Seite bin ich froh, dass ich meine blasebalgsche Fröhlichkeit langsam wiederfinde und in den Alltag zurückkomme. Auf der anderen Seite möchte ich das alles auch nicht einfach so zur Seite schieben und zum Alltag zurückkommen. Verzwickte Sache. Ich weiß nicht, ob Sie das irgendwie nachvollziehen können. Ich kanns ja selbst nicht recht.

Wird wohl noch seine Zeit brauchen. Mal gucken.


Okt 21 2009

Ich lebe noch.

Tag: BefindlichkeitenBlasebalg @ 15:22

Und wenn Sie diese Überschrift jetzt für eine flapsig-blasebalgsche Ausrede für langes Nichtschreiben oder so gelesen haben, dann darf ich Sie jetzt ganz theatralisch eines besseren belehren: Ich meine das wörtlich.

Dass ich gekränkelt habe, habe ich ja hier so ein wenig durchblicken lassen. Wenn ich auch nicht so viel gejammert habe, wie ich hätte mögen. Und vielleicht hätte ich auch bei den diversen Ärzten mehr jammern sollen. Vielleicht hätte ich mich nicht auf die Aussage von zwei Doktoren verlassen sollen, dass der Schmerz im Bein bestimmt keine Thrombose ist. Vielleicht hätte ich mich nicht an der Theorie vom Infekt und der Bronchitis festhalten sollen, wegen der ich dachte, dass ich da halt jetzt durch muss, auch wenn es mir beschissen geht.

Solange ich rumsaß war es ja auszuhalten. Nur das Laufen wurde immer schwerer. Am Schluss war der Weg vom Bett zum Klo und zurück in etwa so anstrengend wie ein 100-Meter-Sprint. Okay, die Husterei, die mich die ganze Nacht wachgehalten hat, war auch nicht schön, aber die sprach ja auch wieder für die Bronchitis. Also Augen zu und durch.

Gestern vor einer Woche dann der Termin beim Kardiologen, der sich die Auffälligkeit im EKG ansehen sollte. Hat er auch getan, aber nur sehr kurz, dann ordnete er schon an, dass Rettungswagen und Notarzt kommen sollten, und dass ich nicht mehr unbeobachtet bleibe. Während der Wartezeit noch einen kurzen Blick per Ultraschall aufs Herz, der aber nur noch bestätigt hat, was er schon am EKG (und meinem Zustand, vermutlich) gesehen hatte.

Zu dem Zeitpunkt hatte er mir noch nicht gesagt, was er vermutete, aber eigentlich war es mir klar. Irgendeinem Teil in mir war es die ganze Zeit schon klar gewesen, aber der wurde von der Vernunft und den beruhigenden Ergebnissen der Ärzte überstimmt. Irgendwie war es erleichternd, nun endlich die Bestätigung zu haben, wenn mir auch der Arsch auf Grundeis ging, um es mal so zu sagen. Es lässt einen halt doch nicht kalt, wenn der Arzt plötzlich einen angespannten Gesichtsausdruck bekommt und die Helferinnen durch die Gegend scheucht, weil alles nicht schnell genug geht.

Ich bekam eine Maske mit Sauerstoff auf die Schnute und versuchte, keine Panik zu kriegen. Im Krankhaus wurde ich dann direkt auf die Intensivstation geschoben, ein Haufen Ärzte wuselte um mich herum und versuchte, mir diverse Nadeln in die Arme zu jagen (am Schluss hatte ich vier Zugänge liegen), was wohl nicht so einfach war. Als Ergebnis der Aktion trage ich jetzt noch dekorative Blutergüsse an den Handgelenken, die jeden Tag in neuen Farben schillern. Dann schob man mich in einen großen Donut, und das CT bestätigte es endgültig: Fulminante Lungenembolie beidseits, Schweregrad nach Grosser II-III, Postinfarktpneumonie rechts (was das genau ist, erklärt Wikipedia). Ach ja, dass das im Bein doch eine Thrombose gewesen war, stellte sich im Laufe meines Krankenhausaufenthalts natürlich auch noch raus.

Nachdem der Oberarzt mir die letzten beiden Nadeln noch in die Arme gejagt hatte, wurde die Lyse-Therapie gestartet. Die Schutzengel, die mich bis dahin auf den Beinen gehalten hatten, taten noch weiter Dienst, und sorgten dafür, dass bis auf heftiges Nasenbluten keine Komplikationen auftraten, ich bekam wundervolle Leck-mich-am-Arsch-Drogen, und nach nicht mal zwei Tagen wurde ich auf die normale Station verlegt. Körperlich ging es mir zusehends besser, ich konnte nach ein paar Tagen schon wieder Treppen steigen, und der Herz-Ultraschall zeigte, dass sich da wohl alles wieder normalisiert und keine Schäden am Herzen zurückbleiben.

Heute dann wurde ich entlassen, rund eine Woche nachdem ich eingeliefert wurde, und bis auf gelegentlichen Weltschmerz geht es mir wieder richtig ordentlich. Ich darf den Rest meines Lebens Rattengift Marcumar essen, trage sexy Thrombosestrümpfe und wünsche mir ab und zu eine von diesen Leck-mich-am-Arsch-Pillen, um mich von der ganzen Sache abzulenken, und ich habe mich den Rest der Woche noch krankgeschrieben.

So.

Das war in Kurzfassung, was mir in den letzten Tagen passiert ist, warum es hier so ruhig war, und warum ich die Überschrift wörtlich meine. Wenn es da oben irgendwo nicht jemanden gäbe, der offenbar der Meinung ist, ich hätte auf dieser Welt noch was zu erledigen, dann könnte das heute alles auch anders aussehen.

Allen, die mir in der Zwischenzeit gemailt hatten, einen ganz lieben Dank. Ich weiß noch nicht, wann ich antworten kann. Dafür bitte ich um Verständnis. Aber ich habe mich über jede der Mails gefreut, als ich sie vorhin abgerufen habe, sehr sogar.

Für heute soll es das gewesen sein. Passen Sie auf sich auf.


Okt 09 2009

Oh wie schön.

Tag: BefindlichkeitenBlasebalg @ 10:27

Sie sind alle so lieb zu mir. Dankeschön für alle Kommentare und Mails. Auf letztere antworte ich auch noch, versprochen. Bin zwar immer noch nicht fit, aber nicht mehr ganz so matschig im Hirn wie die letzten paar Tage. Darum gibt es auch heute kein Gejammer, sondern ein Gefreu. Die Sonne scheint, solange ich mich nicht groß bewege kriege ich genug Luft, und mein Flyer liegt in den letzten Zügen. Seit Wochen will ich den schon fertig machen und schiebe und schiebe es vor mir her. Aber jetzt ist es bald so weit. Noch ein paar Korrekturen, dann kann er in Druck. Und dann kann ich mich bestimmt vor Aufträgen nicht mehr retten.
Bestimmt wird jetzt alles wieder gut.


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