Sep 24
Warum ich gelegentlich weg bin.
Das Blaseblog besteht zwar seit inzwischen über vier Jahren – die sind aber nicht durchgängig mit Inhalt gefüllt. Im Gegenteil, da gibt es Monate und halbe Jahre, wenn nicht mehr, in denen gar nichts passiert ist.
Momentan ist wieder so eine Phase. Ich raffe mich nur zum Nötigsten auf, habe aber eigentlich überhaupt kein Bedürfnis zu bloggen. Nicht nur das, mir fällt noch nicht mal was Bloggenswertes ein.
Zu anderen Zeiten muss ich mich zurückhalten, um nicht 20 Einträge an einem Tag zu verbrechen.
Das ist so bei mir, nicht nur mit dem Bloggen, sondern mit praktisch allem, wofür ich mich interessiere.
Lange Zeit fand ich das problematisch. Aber inzwischen weiß ich, dass es für Leute wie mich sogar Bezeichnungen gibt.
Genau genommen kenne ich zwei Bezeichnungen. Die, die ich mir selbst gegeben habe, als ich anfing, zu akzeptieren, dass ich so bin wie ich bin: Ein Phasentier. Die andere hat Frau Sher erfunden.
Sie spricht von “Scannern”, und unterteilt diese Spezies sogar noch in verschiedene Typen: da gibt es den “Double Agent”, die “Sybil”, den “Serial Master” und weiß der Kuckuck was noch alles. Ich bin eine Sybil:
The second type of Cyclical Scanner – Sybil – makes up the largest group of Cyclical Scanners by far. Each Sybil has many interests and is torn between them to the point where she often does none at all.”
(Barbara Sher: “Refuse to Choose
“)*
Meine selbstgewählte Bezeichnung gefällt mir besser, weil man “Phasentier” so schön französisch aussprechen kann, aber im Kern bezeichnet das das gleiche. Frau Sher beschreibt das so:
You return to the same group of interests over and over, and each time you find them fresh and appealing. You’re happy to try new things, too, but you really prefer to revisit what you already love [...]
[...] you’re usually surrounded by lots of “creative clutter.” Sybil types can’t always find their materials, because they have so many projects going on at the same time they can’t keep track of them. All the same, most Sybil Scanners have very little tolerance for chaos and have bursts of organizing energy they find very satisfying. But order never lasts for long because when the creative urge comes, there is no patience for putting things away.
Jup. Stimmt. Kann ich so unterschreiben, da muss ich nicht mal einen Blick in meine Kemenate werfen.
Ich bewundere Leute, die in ihrem Hobby aufgehen, sich 30 Jahre lang mit nichts anderem beschäftigen und so zu absoluten Oberexperten in ihrem Gebiet werden. Aber für mich wäre das nichts. Egal, worum es geht, irgendwann kommt immer der Punkt, an dem ich spontan jegliches Interesse an der Sache verliere und mich wirklich dazu zwingen muss, weiterzumachen. Häufig schaffe ich gerade mal zwei Drittel. Computerspiele zum Beispiel. Ich liebe Computer-Rollenspiele, Fantasykrams, aber ich glaube, ich habe noch keins von den vielen, die ich je angefangen habe, zu Ende gespielt. So nach zwei Dritteln war jegliches Interesse futsch, auch wenn ich mir zuvor Tage und Nächte damit um die Ohren gehauen habe. Nehmen Sie größere Strickwerke, Pullis oder so: Hinten, vorne, ein halber Ärmel, und futsch ist das Interesse. Dann liegt das Teil zwei, drei Jahre oder so, bis die Phase wiederkommt und ich plötzlich innerhalb von 24 Stunden den Rest nonstop fertig mache. Oder, was häufiger vorkommt, ein anderes Teil anfange. Kurzgeschichten: Ich schreibe zweieinhalb, die laufen mir nur so aus den Fingern, ich gehe mit Plänen schwanger, einen Roman zu schreiben – und schwups, plötzlich ist die Energie weg und ich hab nicht mehr das geringste Fitzelchen Lust dazu, überhaupt irgendwas zu tippen.
Na, ich will jetzt hier nicht alles aufzählen, ich denke, Sie verstehen das Prinzip.
Irgendwann dachte ich mal, dass mit mir etwas nicht stimmt, weil ich nichts zu Ende bringe und bei keiner Sache bleiben kann, selbst wenn ich anfangs Feuer und Flamme dafür war.
Dann kam ich an den Punkt, dass ich mir sagte “Naja, so bin ich halt” und nicht mehr dachte, mich ändern zu müssen.
Inzwischen gehe ich noch einen Schritt weiter und sage mir “es ist verdammt gut, dass ich so bin, das kann nämlich nicht jeder”.
Hah! Genau.
Problematisch ist die Sache eigentlich nur, wenn ich überhaupt nichts tue, weil ich mich nicht zwischen den tausend Möglichkeiten entscheiden kann, und das passiert leider oft genug. Aber auch dem helfe ich ab, nicht zuletzt dank der Tipps aus Frau Shers Buch.
Nichtsdestotrotz gibt es Zeiten, in denen ich hier im Blog relativ wenig zugange bin. Und andere, in denen ich nur so vor Mitteilungsbedürfnis überschäume. Eben je nach aktueller Phase.
Das wollte ich nur mal so gesagt haben.
Ach ja, und falls Sie bis hierher durchgehalten haben, und sich in dem einen oder anderen selbst wiedererkennen, oder wenn Sie vielleicht damit ringen, dass Sie immer wieder was neues anfangen, ohne das vorherige zu Ende zu bringen, und sich womöglich deswegen schlecht fühlen oder von anderen kritisiert werden, dann lege ich Ihnen das Buch wärmstens ans Herz, es wird Ihre Sicht auf sich selbst ein Stück geraderücken.
*Das Buch gibt es auch auf Deutsch, aber das Original war günstiger, darum habe ich das gekauft.






September 24th, 2008 at 17:12
Interessant. Das Buch liegt nämlich bislang ungelesen neben meinem Schreibtisch, seit ein Kollege es mal aus dem stetigen Fluss aus Büchern heraus- und zu mir rübergefischt hat. Na gut. Ich gucke dann die nächsten Wochen mal rein. Wenn mich die Lust packt. :-)
Liebe Grüsse sendet die
Garnprinzessin
September 24th, 2008 at 17:19
Hallo,
ich gestehe mich würde der Text jetzt schon interessieren aber ich bin zu faul mich mit dem englischen auseinanderzusetzen :(
Ok dass man für neue Sachen Feuer und Flamme ist und sich bis zum exzess damit befassen kann kenne ich. Das die Sache dann auch schnell wieder uninteressant sein kann ist mir auch nicht unbekannt ;-) Und Auszeiten müssen einfach mal sein. Ich nenne sie immer Dümpelphase. Und egal ob es die anderen verstehen oder nicht. mir tut das gut und das ist ja wohl das wichtigste. In diesem Sinne
lg Monika
September 24th, 2008 at 17:36
Ich kenne zwar nicht mehr den genauen Typ (ist schon lang her, dass ich es gelesen habe), aber ein Scanner bin ich definitiv auch. Und auch ich dachte lange Zeit, mit mir würde was nicht stimmen, weil ich dauernd wechselnde Interessen habe. Jetzt bin ich da viel entspannter :-)
September 24th, 2008 at 19:35
Sie sind nicht allein. :)
September 24th, 2008 at 20:26
Ja, ich erkenne mich auch wieder in diesen Beschreibungen. In allen. Was heisst: Mir geht’s ebenso, und es ist doch schön, dass wir nicht allein sind mit unseren … Macken? Besonderheiten? Talenten?
Liebe Frau Blaseblog, ich freue mich jedes Mal, wenn ich einen neuen Beitrag in Ihrem Blog finde! Das heisst aber nicht, dass Sie sich um meinet- und um manch anderer Willen täglich Blogeinträge abringen müssen, wenn Ihnen nicht danach ist. ;-)
Entsprechend diesem Grundsatz ist mir eben auch nicht immer danach, meinen Beitrag zu Ihren Aktionen zu schreiben, obwohl ich diese im Allgemeinen sowohl intellektuell als auch emotional und individuell anspruchsvoll und herausfordernd finde. Aber eben: Mal liegt’s am Thema, mal an fehlender Zeit, mal habe ich einfach keine Lust … genau so, wie Sie es schon vermutet hatten.
Aber bitte: Machen Sie weiter mit diesen Aktionen! Es gibt nämlich nicht allzu viele so gute Initiativen, an denen mich zu beteiligen und für die mich zu begeistern mich immer wieder reizt!
Also – scannen wir weiter … mit “Grün” befasse ich mich am Wochenende!
LG,
Katarina
September 25th, 2008 at 08:41
Ich will gar nicht wissen was ich bin und ob es für mich eine Kategorie
gibt, ich bleib lieber in meiner Schublade liegen, die als Ausnahme
die Regel bestätigt ;-)
September 26th, 2008 at 07:36
Woher ich das nur kenne? Grübel….. ;-)
Oktober 3rd, 2008 at 14:48
Frau Blaseblog,
mal offen gesprochen: hatten Sie schon mal das Gefühl, eine Zwillingschwester gehabt zu haben, von der Sie direkt nach der Geburt getrennt wurden?
Exakt Ihre Worte fehlten mir bei meinem letzten Blog-Beitrag ;-)
Selenverwandte Grüße.
Oktober 3rd, 2008 at 14:50
In der Begeisterung ging meiner Seele doch glatt ein “e” verloren..tschuldigen Se..
Oktober 16th, 2008 at 12:46
Is’ ja spannend….
… daß ich mit dieser Eigenart nicht alleine bin.
… daß ich auf jemanden treffe, die auch die Bücher von Frau Sher gelesen hat. (Btw.:Ich finde sie alle extrem gut und haben mir schon sehr geholfen)