Sep 26

Seelenstriptease

Tag: BefindlichkeitenBlasebalg @ 19:00

Der folgende Beitrag lässt Sie in die Abgründe meiner schwarzen Seele schauen (stellen Sie sich hier bitte gruselige Musik vor) …

Nein, mal im Ernst, ich habe in den letzten Paar Tagen ein kleines (vermutlich PMS-verstärktes) Seelental durchschritten. Es war zum Glück nicht tief genug, um darin zu ertrinken. Aber tief genug, um mich über die Muster in meinem Leben nachdenken zu lassen. Muster, die immer wieder auftauchen, und mit denen ich mir selbst das Leben schwer mache.

Zum Muster gehört, dass es niemand wissen darf. Darum veröffentliche ich es heute. Ich sehe das als Teil der Aufarbeitung an, mit der ich heute begonnen habe. Aber Achtung, der Beitrag ist lang. Es hat auch einige Zeit gedauert, ungefähr ein Jahr brutto, bis ich dieses Muster selbst so deutlich sehen und formulieren konnte. Vielleicht mögen Sie es lesen. Wenn ja, dann bitte hier entlang:

Ausgangssituation
Jemand hat Erwartungen an mich. z.B. weil er mir etwas zutraut.
Manchmal werden die Anforderungen vom anderen formuliert, manchmal bleiben sie eher diffus und damit besonders leicht fehlinterpretierbar meinerseits.

Beispiele:

  • Meine Mutter erzählt allen, die nicht bei 3 auf den Bäumen sind, was für ein kluges und braves Kind ich bin.
  • Ich werde in der Schule zur Vorsitzenden der Umwelt-AG gewählt, ohne dass ich mich darum gerissen hätte.
  • ein Vorgesetzter gibt mir einen diffus umrissenen Auftrag: “Kümmern Sie sich mal um Projekt XY”.

***
1. Schritt – der Interpretationsfehler
Ich hinterfrage die Erwartung nicht.

  • Wie gut ist gut, wie brav ist brav?
  • Was genau sind jetzt meine Aufgaben?
  • Was ist die Zielsetzung, was soll bis wann erreicht werden?

***
2. Schritt – die Heldenvision
Ich übernehme die Erwartung also un-hinterfragt und male mir in meiner Phantasie einen Idealzustand aus (mehr oder weniger bewusst) und wie lieb mich alle haben werden, wenn ich diesen Idealzustand erreiche.

  • Meine Mutter wird mich weiterhin liebhaben, wenn ich gute Noten heimbringe und mich gut benehme.
  • Alle werden mich bewundern, wenn ich mit der Umwelt-AG tolle Aktionen durchziehe, z.B. diese Papier-Recycling-Aktion während der nächsten Projekttage.
  • Ich werde mein Gehalt zu Recht beziehen, wenn ich die Aufgabe besser löse, als jeder andere es könnte.

***
3. Schritt – die Krise
Wenn es an die konkrete Umsetzung geht, stelle ich fest, dass alles nicht so einfach ist. Man muss vielleicht mal Widerstände überwinden, ich kann etwas doch nicht so gut wie ich dachte, man muss auch mal Rückschläge einstecken und den Plan ändern, kurzum: das Leben ist nun mal kein Ponyhof. Es ist nicht so einfach, das 150%ige Ergebnis zu erzielen, selbst das 100%ige ist manchmal schwer. Wenn ich aber nicht die volle Leistung erbringe, die die anderen von mir erwarten, dann werden sie schlecht von mir denken. Dass die anderen das gar nicht erwarten, dass ich mir die Messlatte selbst so hoch gehängt habe, ist mir in diesem Moment nicht bewusst.

Die Folge: ich erstarre und gucke wie ein Kaninchen auf die heranrasenden Scheinwerfer. Und mit jedem Tag/jeder Minute Erstarrung wird die Wahrscheinlichkeit für ein 150%-Ergebnis geringer, der Zeitdruck höher, der Stress wächst.

  • im Schwimmen kriege ich schlechte Noten. Ich hab es zu spät gelernt, hatte nie Spaß daran und wichtiges Wissen z.B. zum richtigen Atmen fehlt mir (wie ich jetzt im Nachhinein weiß), ich kriege ständig Scheiß-Chlorwasser in die Nase und glaube, fast zu ertrinken. Statt um Hilfe zu bitten, quäle ich mich irgendwie durch, heulend vor Angst.
  • Irgendjemand müsste bei diesem Papier-Recyclinghof anrufen, um die Exkursion mit den Projektteilnehmern da hin zu organisieren. Bescheuerterweise trau ich mich nicht, aber angekündigt ist das ganze schon, scheiße scheiße scheiße…
  • Ich habe das Konzept für Ende der Woche angekündigt, aber jedes Mal, wenn ich mich dransetze, stelle ich fest, dass es – will ich es perfekt machen – unglaublich komplex wird. Also lege ich es erst noch mal weg, um meine Nerven zu beruhigen, und mache irgendwas anderes. Am Ende des Tages habe ich tausend andere Sachen erledigt und fühle mich toll, weil ich so viel geschafft habe, aber das Konzept ist keinen Schritt weitergekommen, und es ist wieder ein Tag näher am Abgabetermin. Ich könnte ja morgen vielleicht ein paar Überstunden machen. “Und dann klotze ich mal einen Tag lang so richtig ran.” Am nächsten Tag dann das gleiche Spiel.
    Irgendwann ist die Zeit so knapp, dass ich irgendwie irgendwas hinrotze, manchmal fast unter körperlichem Schmerzen und großem Abscheu. Am Abgabetermin gucke ich gestresst, damit man mir glaubt, dass ich die ganze Woche hart an dem Konzept gearbeitet habe. Auf die Art versaue ich mir jeden Spaß an eigentlich spannenden Projekten.

***
4. Schritt – Die Flucht
Das Durchquälen durch die immer gleichen Situationen tut weh und wird immer schwerer. Immer häufiger kommt der Gedanke (mehr oder weniger bewusst) “bald merken sie, was ich für ein Versager in dieser Sache bin.” Lobt jemand meine Arbeit, kann ich darüber nur sarkastisch grinsen, denn ich weiß ja schließlich, dass alles nur Blendwerk ist und dass der andere nur keine Ahnung hat, was richtig gut gewesen wäre. Dass das Bullshit ist und gar niemand die 150% erwartet hatte, und dass das, was ich abgeliefert habe, in der Regel absolut ausreichend war, ist mir in dem Moment nicht bewusst.

Vor dem Tag X, an dem auffliegt, was für ein elender Versager ich eigentlich bin, habe ich unglaubliche Angst. Also versuche ich, ihn zu vermeiden.

  • wie praktisch: endlich bin ich alt genug, wenn ich meine Tage habe, muss ich nicht am Schwimmunterricht teilnehmen. Also hab ich sie oft. Und wenn das mal nicht geht, dann bin ich erkältet, hab Durchfall oder sonst irgendwas.
  • Ich werde tatsächlich krank. Ziemlich bös krank. Liege mehrere Wochen im Krankenhaus. Liebe stellvertretende Vorsitzende, kannst du die Projekttage bitte fertig vorbereiten? Das und das wäre noch zu tun. Vielen Dank! Ja, tut mir echt leid, ich hätte das gern noch selbst erledigt, aber du siehst ja selbst… *hust hust*
  • Ich such mir einen neuen Job. Wenn ich nur erst aus diesem Affenstall hier raus bin, wird alles gut. Dass es mir hier nicht gut geht, liegt schließlich an den anderen. Das kann ich zwar nicht rational begründen, denn wenn ich ehrlich bin, sind die anderen verdammt nett zu mir, aber es ist nun mal so, es liegt an dem Laden hier. Basta.

********
Nach der Flucht geht es mir eine Zeitlang sehr gut. Hey, wenn ich nicht krank geworden wäre, hätte ich das sicher noch irgendwie gedeichselt bekommen. Und im neuen Job wird’s bestimmt alles viel besser, neues Spiel, neues Glück.

Es wird aber nicht besser. Anders, ja. Aber das Muster kommt wieder. Immerhin, ich habe es jetzt erkannt. Ich habe nun verschiedene Ansatzpunkte, es aufzulösen. Jeder der vier Schritte bietet die Möglichkeit dazu. Ich muss nur aus der Opferrolle raus. Haha, habe ich gerade “nur” gesagt? Ich glaube, der schwere Teil steht mir jetzt erst noch bevor.

Danke, dass Sie mitgelesen haben und danke, wenn Sie mich jetzt nicht für einen Versager halten oder auslachen.

5 Kommentare zu “Seelenstriptease”

  1. SingleMama says:

    Ich halte Sie weder für einen Versager noch würde ich Sie auslachen.
    Sie versagen lediglich (klingt doch besser als “nur”) vor Ihren viel zu hohen Ansprüchen an sich selbst. Selbst wenn Sie Superwoman wären, könnten Sie diese vermutlich nie erfüllen.

    Unser schlauer Psychologe in der Kur erzählte uns, daß diese Art von Perfektionismus, nämlich die eigene Messlatte so hoch zu legen, daß sie nie erreicht werden kann und die Folgerung “ich schaffe nie etwas und bin ein Versager auf ganzer Linie” ein Grund für eine Depression sein kann.

    Und ich drücke Ihnen ganz fest die Daumen, daß Sie (schließlich haben Sie das Muster ja schon erkannt), aus diesem Kreislauf herauskommen.

    Gefahr erkannt – Gefahr gebannt. Leider trifft das nicht aufs Seelenleben zu. Da muss man schon härtere Bandagen anwenden.

  2. Conny says:

    Eigentlich bist Du das Gegenteil von einem Versager. Selbst mit der Rausschiebetaktik vollbringst Du – wenn auch unter Stress und Sorgen – qulitativ einwandfreie Arbeit was eigentlich bewundernswert ist.
    Aber das beschriebene Muster ist mir irgendwie bekannt. Auch ich hab schon nach diesem Muster gehandelt. Meist wenn ich mich überfordert fühlte.

  3. Blasebalg says:

    Vielen Dank Ihnen beiden!

  4. Schlauschiesser says:

    Ein Klassiker, dieses Muster. Tausendfach wiederzufinden da draußen. Sie befinden sich also in guter Gesellschaft, wenn man das so sagen kann.

    Der Teil mit den Projekten und Deadlines kommt mir so vertraut vor…

  5. Blasebalg says:

    Der Gedanke beruhigt mich ja schon, dass ich damit nicht allein bin.
    Und ganz ehrlich: das so klar zu erkennen, aufzuschreiben und auch noch anderen zu offenbaren, hat eine heilsame Wirkung. Ich denke nicht, dass ich da drüber weg bin und nie wieder in das Muster verfallen werde, Gott bewahre. Aber es fühlt sich gut an, so ein Stück Selbsterkenntnis.