Sep 04

Provokativ?

Tag: Aktion der Woche,BefindlichkeitenBlasebalg @ 13:25

In der dieswöchigen Aktion kommt ganz häufig der Satz vor “mir ist egal, was andere über mich denken”. In diversen Variationen. Oder auch nur mit “es sollte mir egal sein…”. Dieser Zustand scheint erstrebenswert. Auch bei meiner Suche nach Tipps im Umgang mit dummen Schlussfolgerungen kam dieser Satz mehrfach.

Hm.

Ich stelle jetzt mal in den Raum, was mir durch den Kopf geht: ich glaube das nicht.
Ich glaube weder, dass wirklich allen alles an Meinungen von allen anderen Menschen egal ist, die diesen Satz geschrieben haben. Noch glaube ich, dass das ein erstrebenswerter Zustand wäre.

Was ich für erstrebenswert halte: dass ich meinen Selbstwert nicht an dem festmache, was andere über mich denken oder sagen oder was ich glaube, was andere über mich denken könnten.

Ist es das, was gemeint ist, wenn jemand sagt “es ist mir egal, was andere von mir halten”?

Wir sind alle Menschen, die irgendwann mal erzogen wurden. Es war uns alles andere als egal, was Mami oder Papi von uns hielten. Im Gegenteil, es war überlebenswichtig, dass sie gut von uns dachten. Das ist so tief verwurzelt, dass ich nicht daran glaube, dass irgendjemand auf der Welt völlig frei davon ist, dass es irgendjemanden auf der Welt gibt, dem tatsächlich die Meinungen anderer zur eigenen Person gänzlich und ganz selbstverständlich scheißegal sind. Gerade die nicht, die das am provokativsten von sich behaupten. Je provokativer das Scheißegalsein, desto stärker ausgeprägt die Opposition zum “normalen”, und damit doch wieder abhängig davon. Nehmen Sie den Teenager, der sich die Haare grün färbt, Metall durch jedes erdenkliche Körperteil jagt, seltsame Musik hört, alles bürgerliche Scheiße findet und dem es scheißegal ist, was die Eltern oder die Elterngeneration von ihm hält. Das ist doch Unfug. Wären die Eltern Punks, dann wäre der Teenager in Opposition dazu spießbürgerlich hoch 3.

Ja, ich bediene hier ein Stück weit Klischees, aber ich weiß mir gerade nicht anders zu helfen, um auszudrücken, was ich denke.

Jemand, dem die Meinung anderer gänzlich wurscht wäre – würde der ein Blog schreiben? Wozu? Wenn es nicht auch um das Wahrgenommenwerden durch andere geht, kann ich das doch auch zuhause in meinem Kämmerlein ins Tagebuch schreiben und niemals jemandem zu lesen geben, weil was der dächte, wäre ja eh wurscht. Statt dessen schreibe ich es hier in die Öffentlichkeit. Wozu tu ich das, wenn nicht um irgendeine wie auch immer geartete Reaktion zu erleben? Und wenn ich diese Reaktion haben will, dann ist es mir auch nicht wurscht, was der andere denkt oder meint. Vielleicht bin ich nicht traurig, wenn derjenige mir nicht zustimmt; vielleicht freue ich mich über kontroverse Beiträge – aber das ist etwas anderes als “egal”. Finde ich.

Jemand, dem die Meinung anderer wirklich egal wäre, und das von Grund auf und ganz natürlich, der wäre über den Gedanken erstaunt, dass es anders sein könnte.

Hinzu kommt, dass Mensch nicht gleich Mensch ist. Ja, es ist mir ziemlich schnuppe, was meine Nachbarn von schräg gegenüber von mir denken, die ich kaum kenne. Aber es ist mir nicht wurscht, was mein Mann von mir denkt. Es gibt Menschen, die können eine meiner Leistungen beurteilen, zum Beispiel weil sie Ahnung vom Fach haben. Und andere, die können das nicht, weil sie eben keine Ahnung haben. Bei letzteren ist es wurschter als bei ersteren, was sie von meiner Arbeit halten.

Ich mag Pauschalaussagen nicht, und selbst das stimmt nicht immer. Wenn jemand kategorisch sagt, dass es ihm egal sei, was andere von ihm halten … Wer sind denn die anderen? Alle? Die Familie? Die beste Freundin? Der Chef? Und gilt das auch für alle Lebenslagen? Kleidung? Arbeit? Aussehen? Meinung? Angewohnheiten? Verhaltensweisen?

Nein, tut mir leid, die Pauschalaussage glaube ich niemandem.

So, und weil ich nicht möchte, dass sich jemand angegriffen fühlt, weil sich hier einige von Ihnen angesprochen fühlen könnten (sie sehen, mir ist es ganz und gar nicht egal…), muss ich noch folgendes nachschieben und meine Provokation damit entschärfen:

Ich vermute, dass es häufig nicht so pauschal gemeint ist, wie ich das hier unterstelle. Ich vermute, dass in vielen Fällen eine bewusste Entscheidung dahintersteht. Eine starke und/oder gereifte Persönlichkeit, die zwar zur Kenntnis nimmt dass “die Leute” (wer immer das ist) irgendwas reden, aber entscheidet, sich davon nicht beeinflussen zu lassen. Und dass es DAS gibt, daran glaube ich ganz sicher. Oder dass nicht gemeint ist “es ist mir wurscht” sondern dass gemeint ist “ich lasse mich nicht davon runterziehen, wenn jemand, der mir nicht besonders wichtig ist, schlecht über mich denkt”.

So, und jetzt höre ich auf, Korinthen zu kacken und marschiere zur Post. Ich wollte das hier nur mal kurz losgeworden sein, damit ich aufhören kann, darauf herumzudenken.

11 Kommentare zu “Provokativ?”

  1. meermaid says:

    Frau Blasebalg,
    ich gebe Ihnen vollkommen recht, es ist mir egal was andere (bezogen auf fremde, mir nicht wichtige Personen) von mir denken. Bei Menschen, die mir wichtig sind, ist es mir nicht egal, aber von denen weiß ich auch – oder glaube zu wissen – dass sie nicht schlecht von mir denken oder schlecht über mich reden. Wer letzteres tut, war mir dann die längste Zeit wichtig. Danke fürs zum Nachdenken bringen.
    LG Mona

  2. Ev says:

    Da fällt mir spontan dieser Satz ein: “Früha war’sch du lustischa. Als ma noch hott üba
    Dich lache konnt, hosch ma bessa gfalle.” Ein Arschlochsatz von einem Menschen, der
    mir gleichgültig war und ist und doch hatte dieser Satz eine Wirkung wie eine Arschbombe
    in mein Innerstes hinein.Ich liebe das, was Frau Meermaid nach dem egal sagt:

    “mir ist aber nicht egal, was ich über andere denke oder sage.”

    Das ist für mich die Perle in der Krone des Egal-Tages!

    Liebe Frau Blaseblog, Sie haben das besser in Worte gefasst, als ich das je gekonnt
    hätte. Danke!

    Und Grüße von der Ev

  3. Platypus says:

    Das haben sie gut gesagt, das unterschreibe ich so. Denn mir ist es sogar ziemlich wichtig, was Leute von mir halten und denken, sofern diese Leute mein Mann, meine Familie, meine Freunde, einfach Leute die ich gern hab, sind.
    Leute, die mir am A… vorbei gehen, können denken was sie wollen, und ich werd auch nicht viel tun, um deren Bild von mir zu revidieren.
    Lieben Gruß vom Platypus

  4. Garnprinzessin says:

    Dem folgenden Teil

    Nehmen Sie den Teenager, der sich die Haare grün färbt, Metall durch jedes erdenkliche Körperteil jagt, seltsame Musik hört, alles bürgerliche Scheiße findet und dem es scheißegal ist, was die Eltern oder die Elterngeneration von ihm hält. Das ist doch Unfug. Wären die Eltern Punks, dann wäre der Teenager in Opposition dazu spießbürgerlich hoch 3.

    widerspreche ich energisch. :-)

    Liebe Grüsse von der

    Garnprinzessin

  5. Blasebalg says:

    Mögen Sie auch sagen, warum?

  6. Jinx says:

    Ich gehöre ja zu denen, die diese Attitüde pflegen, und ich kann sagen: Ja, es ist mir egal, was jeder dahergelaufene Hans und Franz von mir denkt. Es ist mir wurscht, ob irgend ein Typ in meinem erweiterten Bekanntenkreis mich blöd findet, oder zu offensiv, zu groß oder einfach eigenartig. Es ist mir auch wurscht, ob jemand eigenartig guckt, wenn ich in der Bahn stricke o.ä.
    Aber es ist mir natürlich nicht egal, was meine Freunde oder meine Restfamilie (ich habe nur noch eine Mutter) von mir denken (wobei meine Mutter manchmal Dinge denkt, die ich sehr eigenartig finde, und dann … naja).
    Ich bin einfach jemand, der dieser “Hach, was sollen die Nachbarn denken”-Zwanghaftigkeit entgangen ist, und darüber bin ich froh.

    Viele Grüße
    Jinx

  7. Garnprinzessin says:

    Yip, will ich sagen. Mache ich in Richtung oder gar auch erst AM Wochenende. Geht leider nicht anders.

    Viele Grüsse von der

    Garnprinzessin

  8. Frau Fadenzieher says:

    *grins
    Ich habe darüber nachgedacht genau darüber was zu schreiben weil es mir ja auch so egal ist was die Leute sagen. Und bei der Denkerei fiel mir auf das das Kabbes ist. Denn eigentlich bin ich so wie ich bin weil ich es für ein bißchen erstrebenswert halte das alle denken und wissen das ich nicht ganz so bin wie der Rest.
    Also wenn ich etwas tue weil es egal ist was die Menschheit denkt tue ich meist weil ich auffallen möchte. Und deswegen isses nun doch nicht mehr egal.
    Aber weil mir heute was ganz anderes nicht egal war bin ich nicht zum Beitrag gekommen und deswegen isses mir jetzt egal das ich zu spät bin mit dem Wochenbeitrag und erzähle morgen was mich abgehalten hat :-)

  9. Heidi K. says:

    Ja, werte Frau Blasebalg, sie haben ja vollkommen Recht, es ist mir nicht bei allen Menschen egal, was oder wie sie von mir denken.
    Ich diskutiere wichtige Dinge schon mit dem Mann, den Freundinnen, den Kindern, den Kollegen etc. Deren Experten- oder Heidi-Einschätz-Kenntnisse sind für meine Meinungsfindung oft hilfreich.
    Aber: wie ich mich anziehe, altersgemäß verhalte, politisch agiere, meine Freizeit gestalte, nach Außen wirke, meine Vergangenheit, mein Nicht-immer-Nett-Sein, manchmal auch mein Zynismus, meine 10 Kilo zu viel, wie oft ich meine Bio-Tonne leeren lasse, da ist es mir völlig egal, wie oder was Andere von mir denken, das wirft mich nicht aus der Bahn. Vielleicht lernt ja mein Nachbar, das Leben ein bisschen lockerer zu nehmen durch meine unkonventionelle Art? Dann wäre es allerdings nicht mehr ganz so egal…..Oder???
    Vielleicht könnte ich das Wort “egal” auch durch “Gelassenheit ” ersetzen?
    Ich freue mich auf weitere nachdenkliche Mittwochsaktionen.
    LG
    Heidi K.

  10. staubkoernchen says:

    Also mir ist es ganz und gar nicht egal, was andere über mich denken. Ich selbst denke in letzter Zeit viel über mich nach und finde immer wieder Dinge, die ich verändern möchte.
    Was mir wirklich egal ist, ist, wie andere über meinen Musikgeschmack, meine Kleidung, meinen Berufswunsch, meine Hobbies, … denken. Das sind irgendwie nur “Äußerlichkeiten” und es ist mir auch egal, dass der Liebste mit meinem Musikgeschmack so gar nichts anfangen kann, kann ich mit seinem ja auch nicht. Das ist aber nicht so wichtig.
    Mir ist es allerdings ganz und gar nicht egal, ob Menschen mich freundlich, hilfsbereit, ehrlich, verantworungsbewusst, vertrauenswürdig, intelligent, interessant, mutig, … finden. Das sind Eigenschaften, die ich (mal mehr mal weniger) habe und die mir generell bei Menschen wichtig sind. Das ist das staubkoernchen, wie es sich selbst sieht und wie es sein möchte, weil das einfach gut ist. Wenn ich aufgrund von Schüchternheit, Verschlossenheit, Ängstlichkeit, Misstrauen, Unsicherheit, Zurückhaltung, … völlig anders auf Menschen wirke, ist mir das alles andere als egal. ich möchte zeigen und sein und ankommen, wie ich mich als mich selbst erlebe und empfinde. Wenn das nicht der Fall ist, dann benötige ich das entsprechende Feedback, um an mir selbst zu arbeiten und immer mehr der Mensch (auch für jeden anderen offen sichtbar) zu werden, der ich innen drin schon zu sein glaube.
    Schwieriges Thema…
    Liebe Grüße vom staubkoernchen*

  11. Monika says:

    Hallo
    nun da muß ich meinen Senf jetzt doch auch noch dazu geben.
    Also generell gebe ich dir Recht, dass es viele leute sagen weil es so schön provokativ ist.
    Ich persönlich muß gestehen habe ich einige zeit gebraucht und bin durch eine für mich sehr harte Schule gegangen um eine gewissen Gelassenheit gegenüber den “anderen” Leuten an den Tag zu legen.
    Wobei mir natürlich die Meinung meines engsten Umfeldes schon wichtig ist aber da eben auch nicht in allen Dingen. Manche Sachen muß man einfach machen wie man selbst meint und da ist es egal was die anderen sagen, auch die engsten Vertrauten. Ausserdem finde ich ist der “egal” Weg nicht immer der einfachste. Es gehört schon einiges an Stärke dazu sich nicht der norm unter zu ordnen und dann zu denken “mir egal was die anderen denken” erfordert teilweise eine gewissen Stärke oder Härte, gerade wenn es zB. darum geht eingefahren Arbeitswits- oder Denkweisen zu umgehen.
    LG Monika