Jul 16

Das Märchen vom Bratapfelbaum

Tag: Aktion der WocheBlasebalg @ 19:29

Ich bin ganz unkreativ und recycle ein früheres Werk aus meiner Feder; ich hatte das glaube ich auch irgendwann schon mal im Blaseblog, aber wenn, dann war das lange vor Ihrer* Zeit. Ich gehe nicht davon aus, dass viele von Ihnen bis zu den Anfängen des Blaseblogs rückwärts gelesen haben, darum erlaube ich mir hier ausnahmsweise eine Wiederholung.

*Damit meine ich diejenigen Leserinnen, die durch die im weitesten Sinne Strickblogszene zu mir gefunden haben und heute den Löwinnenanteil hier stellen.


Das Märchen vom Bratapfelbaum

Kennt ihr die Geschichte vom Bratapfelbaum? Nein? Na, dann will ich sie euch erzählen.

Es war einmal, vor langer Zeit in einem weit entfernten Königreich, da stand ein Apfelbaum, der noch nie Früchte getragen hatte. Darum beschloss der königliche Gartenverwalter, ihn zu fällen. Denn ein Apfelbaum, der keine Äpfel trägt, der steht ja nur im Weg herum und ist zu nichts nütze. So dachte der königliche Gartenverwalter, und begann, seine Axt zu schärfen.

Ein Eichhörnchen hörte von diesem Plan. Es erschrak sehr darüber. Denn genau dieser Apfelbaum war sein Lieblingsbaum. Im Sommer saß es am liebsten ganz hoch oben auf seinen Zweigen und schaute den Schwalben bei ihren Flugkunststücken zu, oder es kuschelte sich in eine ganz besonders bequeme Mulde zwischen zwei der mittleren Äste. Und auf den unteren Ästen konnte man ganz herrlich schaukeln und ins weiche Gras hüpfen. Dem Eichhörnchen war es egal, dass der Baum noch nie Äpfel getragen hatte, denn so ein Eichhörnchen findet ganz andere Dinge wichtig als ein königlicher Gartenverwalter.

Das Eichhörnchen wollte den Baum warnen, und darum rannte es hin, so schnell es seine Beine trugen.
„Hallo Apfelbaum, wach auf!“ rief es mit seinem piepsigen Stimmchen. Und als der Baum nicht gleich reagierte, kletterte es rasch auf einen der Äste und sprang dort so lange herum, bis der Baum endlich gähnte und es mit glänzenden Augen anblickte.

Ihr müsst nämlich wissen: zu allen Zeiten schon konnten Bäume sprechen, und sie sind sogar ziemlich schlau. Aber das wissen heute nur noch sehr wenige Menschen.

„Was gibt es denn, kleiner Klettermaxe?“ fragte der Baum das Eichhörnchen, das schon ganz außer Atem war.

„Ganz schlimme Nachrichten, lieber Baum. Der königliche Gartenverwalter will dich fällen lassen, weil du noch nie einen Apfel getragen hast, und du bist doch ein Apfelbaum“, stieß das Eichhörnchen hervor, während es noch nach Luft japste.

„Aber aber, liebes Eichhörnchen, so schlimm wird es schon nicht sein“, brummte der Apfelbaum. „Ich bin schließlich ein ganz besonderer Apfelbaum, und ich werde eines Tages ganz besonders schöne, runde, glänzende Äpfel tragen, die besten, die es im großen königlichen Garten gibt. Das weiß der königliche Gartenverwalter doch sicher.“ Zufrieden lächelte der Apfelbaum und ließ sich die warme Sonne auf die Blätter scheinen.
„Ich glaube nicht, dass der königliche Gartenverwalter das weiß“, widersprach das Eichhörnchen und wunderte sich, dass der Apfelbaum sich gar keine Sorgen machte. „Er schärft schon seine Axt!“

„Hmmm“, brummte der Baum. „Aber so ein perfekter Apfel braucht doch seine Zeit. Darüber muss man gut nachdenken und alles genau planen. Ich bin schließlich nicht wie alle anderen Apfelbäume.“ Stolz reckte er seine Äste in die Luft. „Sieh nur, wie schön gerade meine Äste gewachsen sind, und wie grün meine Blätter. Es wäre doch jammerschade, wenn an meinen Ästen nur ganz gewöhnliche, wurmstichige Äpfelchen wachsen würden, wie an den Ästen meiner Verwandten. Nein. Ich möchte die besten Äpfel im ganzen Königreich tragen!“

Das Eichhörnchen bewunderte die langen, geraden Äste und die vielen grünen Blätter des Baumes. „Ja, du hast recht, du bist ein ganz besonderer Baum. Aber was nützen dir deine Pläne, wenn du vor der Zeit abgehackt und zu Brennholz verarbeitet wirst?“ wandte es ein.

Der Apfelbaum wurde ein bisschen blass unter seiner Borke. „Brennholz? Er will mich zu Brennholz klein hacken?“

„Ja, das will er, und er wird bestimmt nicht mehr lange warten! Ich habe gehört, dass er schon morgen herkommen und dich fällen will. Wir müssen uns schnell etwas einfallen lassen, lieber Baum!“

Der Apfelbaum mit den großen Plänen war ganz still geworden. „Aber was können wir denn da tun“, murmelte er kleinlaut. „Bis morgen schaffe ich es doch nie, perfekte Äpfel zu tragen.“

Das Eichhörnchen überlegte eine Weile, doch ihm fiel keine Lösung ein. Ratlos zuckte es mit seinen kleinen pelzigen Schultern und sagte: „Ich weiß auch nicht, lieber Baum. Vielleicht musst du es einfach versuchen.“

Betrübt ließ der Apfelbaum die Blätter hängen. Er überlegte hin und her, was er tun könnte, aber ihm fiel einfach nichts ein. Als es langsam dunkel wurde, war er schon ganz verzweifelt. „Eichhörnchen?“ fragte er leise. „Eichhörnchen, bist du noch wach?“ Aber das Eichhörnchen schlief schon. Ganz erschöpft vom vielen Nachdenken hatte es sich in der Mulde zwischen den zwei Ästen zusammengerollt und schnarchte leise. Vorsichtig ließ er der Apfelbaum ein paar Blätter auf das kleine Pelzknäuel fallen und deckte es damit zu. „Schlaf gut, kleiner Freund. Ich werde deinen Rat befolgen und es einfach versuchen.“

Die ganze Nacht lang strengte sich der Apfelbaum an. Mit aller Kraft drückte und zog er an seinen Zweigen. Er konzentrierte sich nur auf den einen Gedanken: ‚Morgen früh muss ich Äpfel tragen!’ Er schwitzte und ächzte und stöhnte und keuchte, und bei all der Anstrengung wurde ihm richtig warm. Stundenlang strengte er sich an, doch er gab nicht auf. Und schließlich spürte er langsam, ganz langsam, wie sich kleine Äpfelchen an seinen Ästen bildeten. Da schöpfte er neue Hoffnung und verdoppelte seine Anstrengungen. Er merkte kaum, wie es ihm wärmer und wärmer wurde, weil er so beschäftigt war. Die kleinen Äpfelchen, die am Anfang nur so groß wie Murmeln waren, wurden immer größer. Es waren richtig schöne, saftige, rotbackige Äpfel. Der Apfelbaum war sehr stolz darauf. Er zog und drückte weiter an seinen Zweigen, damit die Äpfel noch größer und leckerer wurden, und es wurde ihm vor lauter Anstrengung ganz schön heiß.

„Wonach riecht es denn hier?“ murmelte das Eichhörnchen schlaftrunken, als es am nächsten Morgen aufwachte. Ein seltsamer, unbekannter Geruch war ihm in die Nase gestiegen und hatte es geweckt.

„Nach verdorbenen Äpfeln riecht es“, flüsterte der Apfelbaum müde. „Alle sind sie verdorben. Dabei waren sie am Anfang so schön rund und saftig.“ So traurig hatte sich der Baum noch nie gefühlt. Mutlos ließ er die Blätter hängen. „Ich habe es versucht, Eichhörnchen, ich habe mir wirklich Mühe gegeben. Aber schau sie dir nur an. Völlig verschrumpelt und verbrannt sind sie. Sie dampfen ja sogar noch.“ Das Eichhörnchen kletterte auf den Zweigen des Baumes herum und beschnüffelte die vielen Äpfel, die den Baum über und über bedeckten. Sie waren tatsächlich ganz verschrumpelt und dampften. Sie schienen auch noch ganz heiß zu sein. Vorsichtshalber fasste das Eichhörnchen keinen der Äpfel an, denn es wollte sich nicht die Pfoten verbrennen.

Der Baum erzählte von der Nacht. Wie er sich angestrengt hatte, und dass ihm dabei ganz heiß geworden war. Und dass die Äpfel, die schönen, rotbackigen, saftigen Äpfel in dieser Hitze eingeschrumpelt waren. Das Eichhörnchen hörte ihm zu, und auch ihm sank der Mut. „Solche Äpfel hat sich der königliche Gartenverwalter sicher nicht von mir gewünscht, jetzt wird er mich erst recht fällen“, schloss der Baum mit einem Schluchzen in der Stimme. Ein paar Blätter segelten traurig zu Boden.

Schließlich war es so weit. Der Baum und das Eichhörnchen hörten die Stimme des Gartenverwalters aus der Ferne, er schien sich mit jemandem zu unterhalten. Das Eichhörnchen weinte. „Es tut mir leid, lieber Baum, dass ich dir nicht helfen konnte.“
„Ist schon gut, Eichhörnchen“, erwiderte der Baum traurig. „Du kannst ja nichts dafür. Ich hätte nicht so lange warten sollen. Wenn ich im letzten Jahr schon Äpfel getragen hätte, dann wäre das alles nicht passiert, und du könntest heute Abend wieder in meiner Astmulde schlafen.“

Tapfer reckte der Baum seine Zweige in die Luft, als der königliche Gartenverwalter auf ihn zukam, mit der Axt in der Hand. Das Eichhörnchen brachte es nicht fertig, seinen Freund zu verlassen, und so versteckte es sich hinter den Blättern.

Der königliche Gartenverwalter hatte seinen Sohn dabei. Der sollte nämlich selbst auch königlicher Gartenverwalter werden, wenn er groß genug war. Darum sollte er heute seinem Vater bei der Arbeit zuschauen. Den ganzen Weg über hatte er ihm schon dieses und jenes erklärt. Wozu man eine Axt benutzen konnte. Wofür man das geschlagene Holz verwendete. Wieso manchmal ein alter oder kranker Baum gefällt werden musste. All die Dinge, die ein königlicher Gartenverwalter eben wissen musste.

Jetzt waren sie bei dem Apfelbaum angekommen, der sehr tapfer und gerade dastand. Nur seine Blätter zitterten ein bisschen, weil er tief im Herzen große Angst hatte.
„Siehst du Junge, das hier ist der Apfelbaum, den wir heute fällen wollen. Er hat nämlich noch nie Äpfel getragen, obwohl er eigentlich alt genug dafür wäre. Darum ….“
„Aber Papi!“ fiel ihm sein Sohn ins Wort. „Das hier ist bestimmt der falsche Baum. Da hängen doch ganz viele Äpfel dran! Sie sehen nur ein bisschen komisch aus. Ist der Baum krank?“
Verwundert drehte sich der königliche Gartenverwalter zu dem Baum um, denn er hatte noch gar nicht genau hingeschaut. „Potzblitz, was ist denn das?“ fragte er sich. „Sind wir denn zum falschen Baum gelaufen? Nein, hier drüben ist der Bach, dort das Blumenbeet… es muss der richtige Baum sein. Aber wie ist das denn möglich? Gestern trug er noch keine Äpfel. Aber die, die er jetzt trägt, sehen ganz verschrumpelt und verdorben aus. Seltsam.“ Er trat näher an den Baum heran und griff nach einem der Äpfel an den unteren Zweigen. „Autsch, der ist ja heiß!“ rief er, und zuckte zurück, denn er hatte sich die Finger verbrannt.

„Papi, hast du das schon bemerkt?“ fragte sein Sohn. Auch er war näher gekommen und schnupperte nun an den Äpfeln. „Das riecht so gut! Ich glaube, die Äpfel sind gar nicht verdorben! Weißt du was? Das riecht wie die Bratäpfel, die Oma immer macht! Ganz süß und fruchtig und … lecker apfelig!“

Der königliche Gartenverwalter schaute die dampfenden Äpfel schräg an. „Bratäpfel? Aber sowas gibt’s doch gar nicht.“ Trotzdem probierte er einen, ganz vorsichtig, damit er sich nicht wieder verbrannte. „Stimmt, mein Sohn, du hast recht. Das sind richtige, echte Bratäpfel! Komm, das müssen wir sofort dem König erzählen!“

Und so kam es, dass der Apfelbaum nicht gefällt wurde. Im Gegenteil, er wurde eine große Berühmtheit. Denn seitdem reisen jeden Tag viele Leute aus dem ganzen Land an, die den wundersamen Bratapfelbaum bewundern wollen. Und wer ganz genau hinschaut, der sieht im Sommer auf den obersten Zweigen ein Eichhörnchen sitzen, das den Schwalben zuschaut.

4 Kommentare zu “Das Märchen vom Bratapfelbaum”

  1. meermaid says:

    Ein tolles Märchen, danke fürs “Erzählen”
    LG Mona

  2. Ev says:

    Schöne Vorstellung und schönes Märchen!

  3. toffi says:

    klasse, ein schwitzender apfelbaum, der bratäpfel hervorbringt!
    ein schönes märchen.
    danke für den vergnüglichen lesestoff.

  4. Garnprinzessin says:

    Oh wie schön! Das habe ich mir extra bis heute Abend aufgehoben…

    Liebe Grüsse von der

    Garnprinzessin