Tippern auf dem Laptop tut weh. Weil dabei die Handgelenke auf dem Ding aufliegen. Und die Handgelenke sehen noch stark nach häuslicher Gewalt aus. Sprich: Sie sind grün und blau und lila.
Heute war ich beim Doc. Mal Hallo sagen und diverses Organisatorisches regeln. Ich hab es noch selten erlebt, dass ich in der Sprechstunde eines Arztes saß und ohne Akutproblem eine halbe Stunde Redezeit hatte. Hihi. Ich vermute mal stark, dass der Gute auch ganz froh ist, dass ihm die kürzlich neu gewonnene Patientin nicht direkt weggestorben ist.
Ich habe versprochen, in Zukunft mehr zu jammern.
Im Lauf der Woche kriege ich eine zweite schicke Strumpfhose, Anthrazit, leider war sie im Sanitätshaus gerade nicht vorrätig. Aus der Apotheke habe ich eine 100-Tabletten-Ration Pillen geholt (” die sind re-importiert, das ist billiger”), und als nächstes muss ich bei der Krankenkasse vorstellig werden, damit die mir das Gerät zur Selbstkontrolle bezahlen. Ein Lichtblick. Ich habe es gehasst, als ich damals alle paar Wochen zum Doc tigern musste, um Blut abnehmen zu lassen für die Dosierung der Pillen. (Ich hab in meinem Leben schon ein paar Jahre Marcumar gehabt, falls ich das noch nicht erwähnt hatte). Nach einiger Zeit hat man da Arme wie ein Fixer. Völlig zerpiekst. Ich glaube, ich könnte mir inzwischen auch ganz gut selbst Blut abnehmen, oft genug zugeguckt hab ich ja schon.
Mit dem Selbstkontroll-Gerät darf ich mir allerdings nur die Fingerkuppen zerpieksen, ähnlich wie Diabetiker. Bin mal gespannt, wann ich da zur Schulung darf, damit die mir zeigen, wie ich das richtig mache, das Zerpieksen.
So ein Blog ist klasse. Man kann endlose Monologe über das eigene Leiden führen. Im Alltag, ja selbst im Krankenhaus kommt man da kaum zu, wenn man kein Jammerlappen ist. Zumindest geht mir das so. Als ich noch im Krankenhaus war und über die Flure spaziert bin, um wieder bisschen in die Gänge zu kommen, habe ich mich mit einigen Mit-Insassen unterhalten. In epischer Breite habe ich mir Lebens- und Leidensgeschichten angehört. Wie viele Bypässe und Stents da drin sind, im Mit-Insassen, wie es ihm heute und gestern so ging, was der Arzt dazu sagt und wie es weitergeht. Manchmal durfte ich auch in einem Satz sagen, weswegen ich dort war. Aber das war eigentlich nicht wichtig. Die Bypässe waren wichtiger.
Kann ich ja auch nachvollziehen. Für jeden ist das eigene Leiden erst mal am Wichtigsten. Und Jammern tut in der Tat gut. Und im Vergleich geht es mir ja noch richtig gut. Es gibt Millionen, die haben viel, viel schlimmere Krankheiten als ich. Werden vielleicht gar nicht mehr gesund, haben ein Bein ab, hängen lebenslänglich an Maschinen oder wasweißich.
Im Vergleich zu vielen anderen bin ich gesund und munter wie ein junges Reh. Aber eigentlich eben auch nicht.
Wirres Zeug?
Jo.
Ich weiß nicht genau, worauf ich raus will.
Vielleicht das hier: Ich war schwer krank. Nur kurz, aber schwer. Ich wäre beinah über die Wupper gegangen, es hat nicht viel gefehlt. Ich habe auch weiterhin ein gewisses Risiko, weil mit meiner Blutgerinnung irgendwas nicht stimmt, was die Ärzte aber nicht feststellen können. Es ist nicht selbstverständlich, dass ich heute noch hier bin, und mit schmerzenden Handgelenken wirres Zeug tippern kann.
Und das will ich äußern. Das will ich selbst anerkennen. Das will ich nicht einfach so beiseite schieben und zur Tagesordnung übergehen, weil ich ja jetzt wieder fit bin. Ich habe die meiste große Scheiße in meinem Leben lange Zeit nicht richtig verarbeitet, sondern verdrängt. Diese aktuelle große Scheiße will ich jetzt verarbeiten. Ich will jetzt darüber weinen dürfen.
Jaja, ich weiß, das verbietet mir auch keiner außer mir. Das will ich ändern. Und genau dafür ist ein Blog toll. Weil ich solche Dinge quasi aussprechen kann, öffentlich machen kann, ohne dass ich jetzt jemand Bestimmtem damit auf die Nerven fallen muss. Wer mag, liest es, wer nicht, lässt es. Aber ich habe es ausgesprochen. Ok, hingeschrieben, aber das ist fast genauso gut.
Schluss für heute. Mag das nachvollziehen, wer kann.
Passen Sie auf sich auf!